Hunderte junger Web 2.0-StartUps träumen ihn nach wie vor – den (etwas realitätsfernen) Traum von der kleinen Gründung in der Garage, der schließlich irgendwann im eigenen Wolkenkratzer in einer Wirtschaftsmetropole oder im eigenen Campus im Silicon Valley gipfeln soll. Vorbilder sind hier oft Bill Hewlett und Dave Packard, die 1939 in Palo Alto in einer Garage den Grundstein für das heutige HP legten, aber natürlich auch die Apple-Begründer Steve Wozniak und Steve Jobs (1975 ebenfalls in Palo Alto) sowie nicht zuletzt die Google-Ikonen Larry Page und Sergey Brin (1998 in Menlo Park). Aber wie ich jetzt überrascht feststellen musste, wäre dies ohne Daimler kaum möglich gewesen…
Am vergangenen Sonntag entschloss ich mich nach dem Prüfungsstress und dem damit verbundenen Pendeln zwischen Stuttgart und Magdeburg, das schöne Wetter zu nutzen um mal ein wenig zu entspannen und so spazierte ich ein wenig durch Bad Cannstatt.
Eigentlich suchte ich nur eine ruhige Parkbank um ein wenig die neue Greenspan-Biographie lesen zu können, als ich im Bad Cannstatter Kurpark plötzlich vor einem etwas merkwürdig anmutenden Gebäude stand – einer Art Garage mit Wintergarten. Das war nun im ersten Moment nicht weiter spannend, doch das Hinweisschild „gefördert von der DaimlerChrysler AG“ (uups, muss wohl noch ausgewechselt werden) machte mich neugierig und schnell musste ich feststellen an welch historischem Orte ich stand: am „Geburtsort des Automobils“. Ich stand in der Tat vor dem früheren Gartenhäuschen Gottlieb Daimlers. Der hatte sich hier 1882 niedergelassen, nachdem er sich mit seinem Arbeitgeber, der Deutzer Gasmotorenfabrik, überworfen hatte. Eine Konkurrenzklausel im Abfindungsvertrag untersagte ihm die weitere Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Motoren und so zog er sich gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Wilhelm Maybach in eben jenes Gewächshaus zurück.
Geradezu konspirativ arbeiten sie hinter verdunkelten Fenstern in einer selbsteingerichteten Werkstatt, schrauben und hämmern. Die Geräusche die dort tags und nachts durch den Park hallen sind so merkwürdig, dass Daimlers Gärtner schließlich die Polizei verständigt, im Verdacht dass Daimler dort eine Fälscherwerkstatt für Münzen betreibe.
Die Polizei lässt Zweitschlüssel zum Gartenhaus anfertigen und führt in Daimlers und Maybachs Abwesenheit eine Razzia durch. Enttäuscht findet man aber nur allerlei Werkzeug, Maschinenteile und Räder. Aber die zwei Ingenieure arbeiten nicht an der Entwicklung des Autos im eigentlichen Sinne, sondern am Motor – dem „Schnellläufer“, einer Kleinversion des Viertakt-Ottomotors. 1885 verlässt Daimlers Sohn Paul das Gartenhaus für die erste Testfahrt mit dem „Reitwagen“, einem hölzernen Motorrad – dem ersten Motorfahrzeug der Welt. 1886 schon folgt der Einbau des Motors in ein Boot (siehe Bild vom Modell unten) und schließlich in eine Kutsche. Ein weiteres Jahr später erblickt die motorbetriebene Straßenbahn das Licht der Welt und 1887 hebt schließlich der erste motorisierte Lenkballon ab, womit sich Daimlers Vision von der Motorisierung „zu Wasser, zu Lande und in der Luft“ erfüllt – im Übrigen der Ursprung des dreizackigen Mercedessterns.
Das Gewächshaus ist inzwischen zur Gottlieb-Daimler-Gedenkstätte geworden und man kann sich trotz der begrenzten Fläche in den drei Räumen auf eine beachtliche Zeit- und Technikreise begeben.
Es wird ein Video zur Geschichte geboten und originalgetreue Nachbildungen der Werkstatt und der ersten Motoren sind ebenso zu sehen wie Modelle der verschiedenen erprobten Antriebsobjekte. (Was sich später daraus entwickelt hat, kann man natürlich anschließend im Mercedes-Benz Museum bestaunen ) Nun wird sich sicherlich der ein oder andere fragen, was die Daimler-Geschichte mit den Garagengründungen der Computer- und Internetära zu tun hat. Zugegeben, es war/ist nur ein schnödes Gewächshaus, aber die Garage im heutigen Sinne konnte natürlich erst nach dem Automobil erfunden werden… so ist Gottlieb Daimler also gleich im doppelten Sinne der geistige Vater und Wegbereiter von HP, Apple, Google & Co.
Dieser Artikel wurde von Nils König geschrieben. In diesem Blog schreiben Daimler-Mitarbeiter und einige wenige Gastautoren. Unsere Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Konzerns und schreiben über eigene Eindrücke, Geschichten und ihre persönliche Meinung und geben so Einblicke in den Konzern. Warum wir das machen, finden Sie auf unserer Seite über das Blog.
1. Markus Jordan
Kommentar vom 25. Februar 2008 um 09:53
Wieder was dazugelernt :) den Wink mit der Garage trifft doch auch Microsoft, oder irr ich?
Antwort
2. Nils König
Kommentar vom 25. Februar 2008 um 18:34
@ Markus: das hatte ich auch gedacht als ich ein wenig für den Beitrag recherchiert hab. Musste mich aber belehren lassen, dass dies nur ein Mythos ist. ;-)
Siehe: http://www.zeit.de/2000/31/In_der_Garage_sass_Bill_nie
Antwort
3. Markus Jordan
Kommentar vom 25. Februar 2008 um 20:18
@Nils: Danke :) Wahrscheinlich haette das in die Tellerwäscherstory besser gepasst, wenn er dann auch noch in der Garage gesessen waere.
Danke fuer den Link.
Antwort
4. Uwe
Kommentar vom 26. Februar 2008 um 07:17
Garagen werden eindeutig überbewertet.
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5. Nils König
Kommentar vom 26. Februar 2008 um 10:54
@ Uwe: Richtig. Auch dazu gibt es natürlich einen Literaturtipp ;-) : http://www.fastcompany.com/magazine/113/column-made-to-stick.html
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6. Obama schreibt Geschichte (um) « KingNils : corporate communication | social media | impact
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[...] einer ganzen Weile habe ich im Daimler-Blog über die visionäre Kraft von Gottfried Daimler geschrieben. Im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt kann man in der Daimler-Gedenkstätte die wichtigsten [...]