Das Projekt Car2go und die Rezeption in der Öffentlichkeit
Ein bisschen “öko” bin ich ja schon. Einer, der zur Arbeit radelt und — wie rund fünf Prozent der Daimler-Mitarbeiter — auch privat ohne Auto auskommt. Ob ich mich da nicht ein bisschen fremd fühle beim Daimler, werde ich von Bekannten mitunter gefragt. Nö, sage ich dann, Daimler braucht kulturelle Vielfalt. Gerade jetzt, wo die Zukunft der Mobilität so diskutiert wird wie nie. Da trifft es sich doch super, dass ich an Car2Go mitwirken darf. Aus meiner Sicht ein nicht nur technisch, sondern auch strategisch höchst spannendes Projekt.
Springt Daimler damit doch über seinen Schatten und versucht einmal nicht, wie ein typischer Autohersteller möglichst viele und möglichst gute Autos zu verkaufen. Sondern man macht sich Gedanken, welche Rolle der motorisierte Individualverkehr in den zunehmend verstopften Städten spielen kann. Wir machen uns Gedanken, wie wir dem Wunsch von immer mehr Menschen nach einem “Lifestyle of Health and Sustainability” gerecht werden können.
Tolle Sache, denke ich — bis mir mein Chef ein paar Leserbriefe aus der “Südwest Presse” zum kürzlich gestarteten Projekt auf den Tisch legt. Da kommt Car2Go gar nicht gut weg. Eine Bedrohung für das Taxigewerbe sei das, unlauteres Preisdumping, ein “Schwachsinn”, weil man den Verkehrsinfarkt nicht mit noch mehr Autos bekämpfen könne, ein klimapolitischer Sündenfall, es verdränge das CarSharing, und überhaupt sei es technisch “nicht zu Ende gedacht”. Erschütternd. Bin ich jetzt bei einem Projekt gelandet, das Arbeitsplätze vernichtet und volkswirtschaftlich wie ökologisch kontraproduktiv ist? Kann ich mich da morgens noch im Spiegel anschauen?
Doch je länger ich über die Vorwürfe der Leserbriefschreiber nachdenke, desto fragwürdiger erscheinen mir deren Argumente. Wer kann schon mit Sicherheit voraussagen, wie die Welt in fünf, ja nur zwei Jahren aussieht?
Vorwurf Taxibedrohung:
Warum unterstützt die Stadt Ulm diese Bedrohung für Taxen?
… Die Kehrseite der Medaille hat leider noch niemand betrachtet. Sinkende Fahrgastzahlen bei den Ulmer Taxen und den Bussen des Ulmer Nahverkehrs sowie mehr Verkehr auf den Ulmer Straßen werden die Folge sein.
Bei diesen Dumpingpreisen werden auch viele Busfahrgäste auf die Smarts umsteigen. …
Werden Taxis und Car2Go überhaupt nennenswert konkurrieren? Sind Taxis nicht für ganz andere Zielgruppen interessant? Geschäftsleute beispielsweise, die nur gelegentlich nach Ulm kommen, für die Geld nicht die Rolle spielt und die typischerweise kein Car2Go-Siegel haben werden. Oder Leute, die zu ÖPNV-freien Zeiten aus den Randgebieten zum Bahnhof müssen und sich nicht darauf verlassen wollen, dass dann ein Car2Go-smart vor ihrer Tür steht. Oder Nachtschwärmer, die nach ihrer Kneipentour ohnehin nicht mehr selbst fahren können.
Vorwurf Preisdumping:
…Preisbeispiel: Fahrtdauer Hauptbahnhof Ulm-Eselsberg (zwölf Minuten) mit dem Smart 2,28 Euro, mit dem Bus für zwei Personen 3,60 Euro. Kann dieser Preis wirklich auf Dauer kostendeckend sein?
Auch das geht an der Sache vorbei, denn es handelt sich um einen Prototyp. Schon deshalb, weil aktuell niemand verlässlich sagen kann, wie solch ein System von der Bevölkerung angenommen wird und welche Kosten andererseits entstehen. Solch ein frei fließendes System mit all seinen logistischen Herausforderungen gab es bislang mit Autos einfach noch nie. Ein marktgerechter Preis muss erst gefunden werden.
Vorwurf Umweltbelastung:
… Schon seit geraumer Zeit unterstützt der Ulmer Bund (Bund für Umwelt und Naturschutz) gemeinsam mit der Lokalen Agenda das hiesige professionelle Carsharing-Angebot “Confishare”. Allerdings halten wir die geplante Bereitstellung von 200 Fahrzeugen zur Kurzzeitmiete durch Daimler für problematisch. Wer in der Ulmer Innenstadt an jeder Ecke ein Auto zum Niedrigpreis zur Verfügung stellt, das ausschließlich im Stadtbereich genutzt werden darf und nach Zeit statt nach Strecke abgerechnet wird, fördert die Autonutzung und verstärkt damit den Individualverkehr auf Kurzstrecken. Das Angebot verlockt gerade dazu, sich “im Vorbeigehen” einen Smart zu nehmen, wo man bisher zu Fuß gegangen oder mit Bus oder Straßenbahn – also dem ÖPNV – gefahren ist. Dies widerspricht allen lokalpolitischen Bekenntnissen zum Klimaschutz. …
CarSharing ist akzeptiertermaßen sowohl ökologisch als auch verkehrspolitisch vorteilhaft. Es sichert hohe Mobilität, selbst wenn man das eigene Auto abschafft. Und wer nicht ein ohnehin eigenes Auto vor der Tür stehen hat, entscheidet sich jedes Mal für das jeweils beste Verkehrsmittel, fährt also öfter auch mal mit ÖPNV oder Fahrrad. Okay, wenn Car-Sharing gut ist, ist dann Car2Go nicht noch viel besser? CarSharing hat mit Vereinsmitgliedschaft, Grundgebühr, notwendiger Vorausbuchung sowie zeit- und ortsgebundener Rückgabe möglicherweise viele abgeschreckt. So einfach und niedrigschwellig wie Car2Go war CarSharing nie. Und alles, was mit CarSharing geht (zum Beispiel: überall hinfahren), geht auch mit Car2Go.
So könnte ich weitermachen. Ich frage mich, woher kommt diese Anti-Haltung in der Öffentlichkeit? Warum gerade in der “Innovationsregion Ulm”? Wer ökologische Mobilität will, muss in den Köpfen etwas ändern. Dazu braucht es auch neue Ideen. Car2Go ist eine. Und Forschung bedeutet: Wenn man es noch nicht weiß, muss man es eben ausprobieren. Ist es nicht kurios, dass man ein “Just do it” oder neuerdings “Yes we can” nur mit Bedeutungsverlust ins Deutsche übersetzen kann?
Axel Blumenstock, Mitarbeiter aus dem Forschungsbereich im Car2go-Projekt
Dieser Artikel wurde von Axel Blumenstock geschrieben. In diesem Blog schreiben Daimler-Mitarbeiter und einige wenige Gastautoren. Unsere Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Konzerns und schreiben über eigene Eindrücke, Geschichten und ihre persönliche Meinung und geben so Einblicke in den Konzern. Warum wir das machen, finden Sie auf unserer Seite über das Blog.
1. Valentin
Kommentar vom 18. November 2008 um 10:04
Ich muss an dieser Stelle wieder mal den Daimler-Blog loben.
Ich finde es super, dass auch Negativ-Nachrichten nicht totgeschwiegen werden, sonder aufgegriffen und diskutiert werden.
Ich persönlich finde das Projekt super und würde es dieses Angebot bei uns in Pforzheim geben, wäre ich sicherlich einer der ersten … :-)
Weiter so…
Gruß,
Valentin
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2. Jens Friebe
Kommentar vom 18. November 2008 um 10:24
Guten morgen,
ich lese seit einiger Zeit den Daimler-Blog und möchte erstmal dem ganzen Team dazu gratulieren! Es ist wirklich klasse, wie hier Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird und wie gut man einen Einblick in den Konzern bekommt. Vermutlich hätte ich sonst Car2Go überhaupt nicht mitbekommen (ich bin hier in Dresden (aber in Sindelfingen geboren) weitab vom Schuß).
Nun zu diesem Artikel und seinem Versuch der Rechtfertigung:
Ich denke, der Kritikpunkt beim Vergleich mit CarSharing ist eben genau die Tatsache, dass es _zu einfach_ ist, sich ein Auto zu mieten und dadurch die Hemmschwelle sinkt, eben doch spontan mit dem Smart durch die Stadt zu fahren anstatt mit dem Fahrrad (weil man verpasst hat, sich ein CarSharing-Auto zu reservieren). Sie schreiben bereits selber zu CarSharing: “[...] entscheidet sich jedes Mal für das jeweils beste Verkehrsmittel, fährt also öfter auch mal mit ÖPNV oder Fahrrad”. Das beste Verkehrsmittel ist vermutlich meist das bequemste bzw. das, bei welchem ich für den wenigsten Aufwand den meisten Nutzen bekomme.
Wenn CarSharing durch die von Ihnen angeführten Argumente viele bisher abgeschreckt hat, heißt es dann, dass sie sich doch ein Auto zugelegt / behalten haben oder eher, dass sie doch beim ÖPNV geblieben sind (und sich bei Bedarf von Freunden ein Auto leihen)? Vermutlich könnten dort Nutzerbefragungen etwas Licht ins Dunkel brinen.
Letztendlich liegt es immer in der Hand des Kunden, verantwortungsbewusst zu handeln. Ich will gar nicht behaupten, dass zukünftig alle Ulmer von CarSharing auf Car2Go bzw. vom Fahrrad auf Car2Go umsteigen, aber ich verstehe den Kritipunkt und (vermutlich habe ich es noch nicht durchscheinen lassen) auch Ihre Reaktion dazu:
Es braucht neue Ideen! Es muss sich in den Köpfen etwas ändern (und das dauert)! Es handelt sich doch erstmal “nur” um ein Forschungsprojekt (und die Leserbriefe sind eine erste ernstzunehmende Rückmeldung). Ob es überhaupt so funktioniert, wie gewünscht, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Evtl. könnte ja auch ein Einsatz von Elektro-Smarts (siehe Berlin) die Wogen glätten (bzw. um die Investitionskosten in die Infrastruktur niedrig zu halten, ein Einsatz von Car2Go in Berlin).
Das ist zumindest meine Meinung.
Viele Grüße aus Dresden,
Jens Friebe
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3. Cappellmeister
Kommentar vom 18. November 2008 um 12:32
Für alle Argumente mag man sein Für und Wider finden. Car2Go ist konsequent das CarSharing-Model weitergedacht. Wenn der ÖPNV massentauglich Handybezahlsysteme, GPS-Ortung etc. einführen würde, dann wären auch diese Transportmittel wieder “attraktiv”.
Car2Go muss ja nicht unbedingt von Daimler kommen. Genauso gut könnte man sagen, dass Sixti (von Sixt) den Nahverkehr bedroht. Car2Go ist mit Sicherheit ein Ansatz, den es zu verfolgen gilt – vielleicht findet man ja auch eine friedliche Koexistenz aller 3 “Medien”. Schließlich gibt es immer noch Straßen in die nur Busse und Taxen fahren dürfen. Absolute Randgebiete sind wiederrum für Taxi und Bus unrentabel – wäre doch ein Ansatz.
Gibt doch ne nette Übersetzung (OT: Beckenbauer) “Schau ma mal” – ist natürlich nur sinngemäß. :)
Schönen Tag noch!
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4. Uwe
Kommentar vom 18. November 2008 um 18:08
SWP – die Reinkarnation der Bild! Schon immer so gewesen. Gib nix drauf was die sagen!
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5. Erhard
Kommentar vom 18. November 2008 um 20:11
Veränderungen bringen immer Gewinner und Verlierer. Das Unbekannte wird immer bekämpft, deshalb wünsche ich euch einen langen Atem und immer einen Smart in der Nähe wenns mal schnell gehen muß. Laßt euch bloß nicht beirren von den ewig gestrigen.
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6. Andrea
Kommentar vom 19. November 2008 um 06:46
Ein ähnliches Konzept gibt es in anderen Städten wie z.B. Stuttgart auch. Das ganze nennt sich “Stadtmobil” und funktioniert nach demselben Prinzip: Auto buchen, einsteigen, losfahren und nach einer gewissen Zeit eben wieder auf seinen Platz zurückstellen. Gegründet wurde Stadtmobil laut eigener Homepage 1991 und ging 1992 mit zwei Fahrzeugen an den Start.
Ob das jetzt den Taxifahrern geschadet hat weiß ich nicht, aber man sieht zumindest noch viele in der Innenstadt und auch Fahrräder sind nicht ausgestorben. Ich könnte mir gut vorstellen ein solches Fahrzeug zum Beispiel dann zu buchen, wenn ich einen größeren Einkauf machen möchte und kein eigenes Fzg besitze, da sind Fahrrad oder Bus nicht geeignet
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7. Axel Blumenstock
Kommentar vom 19. November 2008 um 08:40
Danke für Ihre konstruktiven Kommentare! Beim Lesen fällt mir auf, dass ein Punkt oben ein wenig zu kurz kam: Wir nehmen die öffentliche Diskussion nicht nur ernst — wir diskutieren die Sache auch selbst kontrovers. Jede kritische Stimme trägt einen Punkt bei, den man aufmerksam prüfen sollte. Mit einem Für und Wider habe ich also gar kein Problem. Nur: Mitunter weiß man eben zu wenig, um schon heute ein Urteil fällen zu können. Über etwas Neues nichts zu wissen ist nicht schlimm, wohl aber, es nicht herausfinden zu wollen.
Ein weiterer Gedanke: Noch vor 20 Jahren sah sich Daimler-Benz erheblich schärferer Kritik ausgesetzt, vgl. z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/EnBW-Anlage_212 — Diese Zeiten sind hoffentlich vorbei. Die letzten Jahre haben einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass ökologische Kosten auch ökonomische Kosten sind. Interessanterweise bedeutet das umgekehrt, dass es kein Widerspruch mehr ist, (ökologisch) Gutes zu tun und dabei Geld zu verdienen. (Freilich wäre es toll gewesen, wenn unser Management das früher gewusst hätte ;-) In Ulm mag der Verkehr noch erträglich sein. Metropolen werden werden indes erst dann ein solches System aufbauen, wenn sie darin eine tatsächliche Entlastungswirkung sehen. Ökologie ist also kein notgedrungen gepflegtes Feigenblatt mehr, sondern ein handfestes Geschäftsmodell.
Fraglos tritt die Entlastung erst dann ein, wenn viele Leute sagen, jetzt brauche ich echt kein eigenes Auto mehr. Daimler sägt an irgendwelchen Ästen? Wer weiß? Die Gesellschaft wandelt sich auch ohne uns, und wer in Zukunft mitspielen will, muss auch da vorn dabei sein.
ps. Die Übersetzung “schau ma mal” trifft an sich recht gut — aber war das nicht das Wahlkampfmotto von McCain? ;-)
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8. Gebrüder Dorsch » Blog Archive
Pingback vom 19. November 2008 um 14:17
[...] Und im Daimler-Blog schreibt Axel Blumenstock auch was dazu [...]
9. Matthias Pfleiderer
Kommentar vom 15. Dezember 2008 um 14:31
Car2Go ist ein hervorragendes Konzept zur Differenzierung von anderen Automobilherstellern. Nicht nur das Bauen von Autos ist wichtig, sondern auch das Verfolgen von neuen, innovativen Ansätzen. Es wird nicht mehr ausreichen, sich nur auf die Produktion von Autos zu beschränken. Vielmehr sollten integrative Ansätze von Auto und Mobilität stärker verfolgt werden. Hier finde ich den Car2Go-Ansatz gut, da er neue Wege beschreitet und Mobilität sowie Nachhaltigkeit zumindest ein wenig vereint. Fraglich ist die Wirtschaftlichkeit des Projektes, da man eine hohe Anzahl an Fahrzeugen benötigt, um einen wirklichen Nutzen beim Konsumenten zu erreichen. Außerdem reicht es nicht aus, das Konzept nur in einigen wenigen Städten anzubieten. Car2Go hat aber vor allem das Potential, die Marke Mercedes speziell für jüngeres Publikum attraktiver zu machen. Dieser Punkt ist sehr wichtig, da die Marke bei jungen Menschen noch zu sehr als altbacken angesehen wird. Mercedes hat zwar attraktive Modelle zu bieten, die Wahrnehmung beim Nachfrager ist jedoch noch eine andere. Projekte wie Car2Go helfen dabei, an diesem Bild etwas zu ändern und tragen dazu bei, insgesamt die Marke für jüngeres Klientel bekannter zu machen.
Bitte mehr davon.
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