Ende September 2007 machten wir mit Experten einen Workshop in Kalifornien, um einen ersten Schnüff dafür zu kriegen, wie groß ein Marktpotenzial für einen smart electric drive sein könnte. Die Experten kamen aus verschiedenen Fächern, für die ein solches Fahrzeug direkt oder indirekt eine Rolle spielen würde. Am Tag, an dem wir über Fahrzeugflotten sprachen, waren auch potenzielle Betreiber dabei. Und ein paar, die in Elektro-Fahrzeugen die Zukunft sehen. Einer von diesen sagte: „Ihr seid der erste Automobil-Hersteller, der sagt, dass er ein batteriegetriebenes Elektro-Auto tatsächlich bauen und vermarkten will!“.
Wie gesagt: September 2007 – erst etwas mehr als 1½ Jahre her. Seit den Autosalons Detroit und Genf steht auf jedem Stand ein batteriegetriebenes Elektroauto mit der Ankündigung einer baldigen Serienfertigung. Autofirmen sind dabei und einige wenige sind schon recht weit.
Mitsubishi, Renault/Nissan, GM/Opel, BYD. Startups oder kleine wie z.B. Think, Bolloré mit Pininfarina, Mindset, alle im kritischen Balanceakt zwischen Finanzierung, Fertigungsmöglichkeit und dem am meisten unterschätzten Instrument aus dem Marketing-Mix, dem Vertriebsnetz.
Alle reden von den Batterien. Noch sind sie sehr teuer – letztes Jahr sprach ein Boschvorstand von € 1.000,- je kWh. Das wird im Laufe der Jahre deutlich weniger werden – billig wird es aber nicht. Und alle reden von Reichweiten – auch eine moderne Lithium-Ionen-Batterie hat im Vergleich zu Benzin eine sehr geringe Energiedichte. Da wird es Fortschritte geben, aber in Maßen. Reichweiten von 600 bis über 1.000 km, wie heute bei Autos üblich, werden Träume bleiben.
Also sagt der Technik-Vorstand von Toyota „E-Fahrzeuge machen Sinn, aber als reine Stadtfahrzeuge“. Und es werden Entwicklungen wie Range-Extender (der von GM wird anekdotisch darauf zurück geführt, dass Bob Lutz mit seinem Vectrix Roller ohne Strom liegen blieb), öffentliche Lade-Infrastrukturen und automatisierte Batterie-Wechselsysteme à la Pony Express voran getrieben.
Dem liegt oft zu Grunde, dass fast alle Autofahrer, mit der Idee eines batteriegetriebenen Elektrofahrzeugs konfrontiert, so denken: der muss alles können, was mein XXX kann. Das führt automatisch zu überzogenen Vorstellungen und zur Ablehnung. Vielleicht ist die Zeit aber doch bald reif für das, was wir bei smart schon mal – bis auf einer seit Jahren laufende Aktivität mit der SBB in der Schweiz – erfolglos versuchten: der Übergang vom Auto zur co-modularen Mobilität. Zum intelligenten Einsatz verschiedener Verkehrsmittel für eine bestimmte Aufgabe.
Für meine arbeitstäglichen 50 km komme ich mit einer Batterie-Reichweite von 100 km wunderbar klar, selbst wenn ich noch ein paar Erledigungen hinzu füge (neudeutsch: trip chaining). Ein smart electric drive täte es wunderbar. Wohnte ich in der Stadt, könnte ich das in Zukunft mit einem car2go-(E-)smart noch eleganter machen. Für den Wochenendausflug oder die Ferienreise mit Familie und Auto miete ich mir eins oder hole mir eins im Tausch.
Meine Geschäftsreise mache ich heute schon co-modular, das war mir nur noch nicht bewusst: anstatt mit dem Auto nach Paris zu fahren, fuhr ich damit zum Flughafen, flog nach Paris, nahm den Zug nach Versailles, lief zum Hotel, am nächsten Morgen holte mich eine Kollegin mit ihrem smart ab, am Spätnachmittag fuhr ich mit dem Taxi nach Roissy, flog zurück und fuhr mit meinem Auto wieder nach Hause. Übrigens hätte auch hier mein Auto ein smart electric drive sein können.
Was braucht Mensch, um solches aktiv und bewusst machen?
Entweder Neigung oder eine ganz fette linke Gehirnhälfte – für weite Verbreitung chancenlos. Oder Druck: Kosten und Regeln. Die Regeln (Restriktionen, aber auch Anreize) sprießen schon hier und da. Siehe London, Kalifornien, Oslo, Stockholm, Mailand, Frankreich, Monaco um nur ein paar zu nennen. Die Kosten haben letztes Jahr schon mal an die Tür geklopft und wir haben uns furchtbar erschreckt. Ich glaube, die sind sie nur noch rasch was erledigen gegangen, bevor sie wieder anklopfen.
Dieser Artikel wurde von Pitt Moos geschrieben. In diesem Blog schreiben Daimler-Mitarbeiter und einige wenige Gastautoren. Unsere Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Konzerns und schreiben über eigene Eindrücke, Geschichten und ihre persönliche Meinung und geben so Einblicke in den Konzern. Warum wir das machen, finden Sie auf unserer Seite über das Blog.
1. Christian Harms
Kommentar vom 09. Juni 2009 um 12:03
Der GM Volt ist auch schon knapp 10 Jahre her, als der Feldversuch nach 2 Jahren wieder eingestellt wurde. Ich pendel auch 130 km (gesamt) und würde meinen Zweit/Pendelwagen gegen ein E-Car austauschen.
Es geht mir da nicht darum, ein Full-Size-Auto zu bekommen! Begrenzte Reichweite zu niedrigeren Betriebskosten – aber kein S-Klasse Preis. Der E-Smart wäre die richtige Lösung.
Oder wie sieht bei Euch die Brennstoff-Entwicklung aus? Gibt es da irgendwann die Komplettlösung? Nur E-Car mit Batterien sehe ich als machbar, aber nicht als endgültig!
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2. Erhard
Kommentar vom 09. Juni 2009 um 13:14
Wenn das Problem die Batterie ist, dann wäre doch die Möglichkeit ein E-Smart zu verkaufen. Auch wenn die Reichweite “nur” 100 km wäre. Mal sehen ob es nicht genügend Interessenten gäbe die bereit wären “viel” Geld für die Fortbewegung der Zukunft auszugeben. Mit der Weiterentwicklung der Batterietechnik könnten die neueren Batterien ja nachgerüstet (ausgetauscht) werden. Aber der Anfang muß gemacht werden. Allerdings nicht indem wir erst das “perfekte E-Mobil” planen sondern einfach loslegen.
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3. Ulli
Kommentar vom 09. Juni 2009 um 15:51
Hallo Pitt,
die PFV des 451 in SF habe ich 6 Wochen lang als Mechaniker begleitet. Im Rahmen der Veranstaltung wurde an einem Cafe in San Jose auch ein smart ed nebst „Zapfsäule“ präsentiert. Das Interesse der flanierenden Einheimischen war sehr groß, wobei mein Eindruck war, dass es mehr am smart selbst lag, als an der Tatsache das es sich um ein Elektrofahrzeug handelte. Egal wo wir auftauchten, auch im konventionellen smart waren wir schnell von begeisterten Menschen umringt die uns Löcher in den Bauch fragten. Wahrscheinlich hätten die Amerikaner auch einen smart mit Tretantrieb „so cute“ gefunden. Meiner Meinung nach existiert in den USA (noch) kein ausreichendes Energiespar- und Umweltbewusstsein welches den Fahrzeugherstellern ein lohnendes Geschäft mit reinen Elektrofahrzeugen versprechen könnte. Schon gar nicht bei einer Reichweite von etwas mehr als 100 Kilometern, einer Ladedauer (100%) von acht Stunden und Anschaffungskosten jenseits von gut und böse. Wer einen smart für die Stadt möchte, der landet dann eher beim mhd. Hier wären wir mit dem smart ed zu früh auf dem Markt und womöglich würde man das Projekt aus Kostengründen einstellen. Wenn Daimler in den kommenden Jahren keine akzeptable Lösung zum Thema Reichweite anbieten kann, wird der smart ed vergleichsweise wenig Käufer finden. Langfristig gesehen ist der E- Motor aber der Antrieb der Zukunft, der Weg wird jedoch nur über Hybrid bzw. Brennstoffzelle gehen.
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4. Felix R.
Kommentar vom 10. Juni 2009 um 03:19
Ich hatte erst letztens die selbe Diskussion mit einem Mitstudenten. Mir persoenlich wuerde fuer den taeglichen Gebrauch ein Fahrzeug mit 100-150km Reichweite reichen, wenn die Einkaufsmoeglichkeiten wieder in die Naehe ruecken wuerden braeuchte ich nicht unbedingt ein Auto. Zum Beispiel bin ich aktuell in Peking. Einkaufen kann ich hier zu Fuss, weil der Supermarkt nur 300m weg ist und wenn ich weiter weg will, gehts mit dem Fahrrad oder Taxi. Das Taxi liesse sich in Deutschland sicher durch E-Car-Sharing Fahrzeuge oder einfach einen guten Nahverkehr ausgleichen.
Ich denke eben auch dass das Bewusstsein der meisten noch nicht weit genug ist. Man erwartet immernoch ein Auto mit grosser Reichweite und 5 Sitzplaetzen aber wie oft nutzt man das denn? Klar hat man immer im Bewusstsein, man koennte wenn man wollte, aber im Prinzip sind mindestens 90% zumindest meiner Strecken unter 100km und maximal zu zweit.
Deshalb wird mein naechstes Auto auch ein Smart MHD, zumindest voraussichtlich, auch wenn der Preis schon sehr hoch ist. Fuer alle groesseren Besorgungen laesst sich normalerweise auch ein groesseres Auto organisieren und prinzipiell ist es mit modernen Zuegen fuer mich auch stressfreier zu reisen. Wenn da halt der teure Preis nicht waere…
Gruss
Felix
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5. pitt moos
Kommentar vom 18. Juni 2009 um 15:24
@ Christian – der EV1 starb, weill hartnäckiges Lobbying der ehemals grossen 3 zu einer Lockerung der Anforderungen in CA führte und ev nicht mehr notwendig waren. GM killte den EV1 und Ford verkaufte seinen ev an Think.
@ Erhard/Ulli – wir WERDEN den smart electric drive vermarkten. Wir wissen inzwischen, dass genug Kunden draussen sind, denen 100 km Reichweite dicke langen und die auch bereit sind, mehr Geld auf den Tresen zu legen. Wobei das in allen grossen Märkten ausser Deutschland dem Kunden vom Staat stark bis sehr heftig versüsst wird.
@ Ulli – die Brennstoffzelle wird bei Mercedes serienreif gemacht. Wir haben da, um nur eins zu nennen, ein Platzproblem.
@ Felix – hast recht.. Im Grunde handeln fast alle pcto Auto wie ein Hasenjäger, der dies mit einer Elefanten-Büchse tut, weil ja mal sein könnte, dass ihm einer über den Weg läuft.
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6. Sven Domroes
Kommentar vom 25. Juni 2009 um 15:59
@ Pitt
Deine Art der angeführten Paris-Reise wird meines Erachtens derzeit noch zu wenig realisiert weil die Information von Anschlußverbindungen und entstehenden Gesamtkosten meist unübersichtlich und nur mit Aufwand zugänglich ist. Wie schon an anderer Stelle in diesem Blog geschrieben wird sich das meines Erachtens zukünftig ändern. Meine Prognose:
Die individuelle Mobilität wird sich ändern von derzeit hauptsächlich “ich besitze Mobilität” hin zu immer mehr “ich benutze Mobilität”.
Ein für diese Entwicklung maßgebender Einflußfaktor wird die immer höher werdende Verfügbarkeit von Informationen über mobile Endgeräte/ Telefone sein. Über smart phones wird zukünftig für viele Anwendungszwecke die jeweils passende Information adhoc abrufbar sein. So z.B. auch für das Thema “Ich stehe in A und möchte nach B”. Hierzu wird die jeweils passende aktuelle Verkehrsverbindung auf Knopfdruck aggregiert abrufbar sein: nächstliegender Abfahrtsort, Verbindungsanschlüsse, Gesamtfahrtzeit, Gesamtkosten, ggf. inkl. Zusatzinfo zur verursachten CO2-Belastung ;-). Ortsunkundige werden per smartphone/ Navi zum jeweiligen Abfahrtsort geführt werden. Die aufgelisteten Angebote können Verbindungen von Flugzeug, Bahn, Bus sein, aber auch Angebote von Mitfahrgelegenheiten, car2go-Konzepten, carsharing, Taxi…etc. Der öffentliche Nahverkehr wird aufgrund des einfachen Informationszugangs stärker genutzt werden, ebenso werden alternative Transportkonzepte wie Mitfahrgelegenheiten und carsharing-Konzepte stärker verfügbar sein.
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7. Pitt Moos
Kommentar vom 25. Juni 2009 um 16:14
Sven,
alles möglich. Frage ist wann. Ganz so schnell, wie sich das manche vorstellen, wird es nicht gehen.
Und sicher nicht billiger.
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8. Sven Domroes
Kommentar vom 25. Juni 2009 um 17:39
@Pitt,
smartphones werden meines Erachtens in spätestens 2-3 Jahren flächendeckend die bisherigen Handys abgelöst haben, spätestens dann werden auch solche Anwendungen verfügbar sein.
Billiger kann es mit so einer Informationstransparenz (z.B. smartphone-Applikation) auch werden. Beispiel: Eine Fahrt von Ulm nach München (140km) kostet mit dem ICE 34,- EUR. Das im Bedarfsfall adhoc zur Verfügung gestellte Wissen über eine zeit- und ortsgleich angebotene Mitfahrgelegenheit könnte die Kosten für die Fahrt auf ca 7,- EUR senken.
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9. Frank Schnaars
Kommentar vom 21. August 2009 um 10:04
Also überzeugter Smartfahrer bin ich ganz gespannt auf den E-Smart.
Ich halte 100 Km Reichweite für den Großteil der Berufspendler für absolut brauchbar, da genügend Zeit zum Aufladen während der Arbeitszeit und über Nacht zur Verfügung steht. Und für den abendlichen Weg zum Tennisplatz steht sicherlich auch noch genügend Strom zur Verfügung. Aber da hätte man ja auch noch das Fahrrad….
Ich hoffe nur, das Daimler sich diesmal etwas intensiver um gute Randbedingungen bemüht (Parkplätze mit Stromanschluß ohne Abzockerpreise).
Was wurde nicht alles zur Einführung des heutigen Smart versprochen. Überall kurze Sonderparkplätze, Sonderpreis an Waschanlagen usw..
Davon findet man heute nicht mehr viel, die Lobbyarbeit scheint komplett eingestellt worden zu sein.
Absolut traurig: Nicht einmal in Zeiten der gr. Parkplatznot im Werk Sindelfingen sah sich Daimler in der Lage, dass Parken von 2 Smart auf einem Stellplatz durchzusetzen.
Wenn wir schon selber nicht die Möglichkeiten dieses Konzeptes nutzen, wie wollen wir es dann in der Breite durchsetzen?
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