Mein Mercedes ESW–AV 300

Mein Sohn fragte mich als 14-Jähriger vor ca. drei Jahren einmal, ob ich glaube, dass er meinen Mercedes auch mal fahren kann. Ich antwortete nur kurz: „Du glaubst doch wohl nicht etwa, dass der Mercedes mit 17 Jahren und über 300.000 km dann noch fährt?“ – Ich irrte mich. Mein Sohn fährt tatsächlich noch meinen ESW-AV 300.

Die ganze Geschichte: Nach meiner Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur folgte die Bundeswehrzeit mit 15 Monaten. Schon in dieser Zeit fiel mir auf, dass die Marke „Mercedes“ etwas besonderes sein musste. Alle LKWs in meiner Kaserne hatten einen Stern im Kühlergrill. Nach meiner Bundeswehrzeit sah ich mich einer aussichtslosen Arbeitsplatzsuche ausgesetzt.

Erschwerend kam noch die Tatsache hinzu, dass mein Wohnort im damaligen Zonenrandbezirk lag. Es gab ja die DDR noch. Nach fast einem Jahr Arbeitslosigkeit entschloss ich mich, das Arbeitsamt in Kassel aufzusuchen, da ich mir hier Hilfe bei der Suche eines neuen Arbeitsplatzes erhoffte.

Wenige Tage später bekam ich zwei Angebote. Eines davon war ein Arbeitsplatz im Kernkraftwerk Philippsburg als Werkschutzfachkraft. Dort fing ich dann auch im Jahre 1984 an. Und wieder fiel mir auf, dass sehr viele meiner Bekannten und Arbeitskollegen einen Mercedes fuhren. Bald entschloss ich mich, dass mein nächstes Fahrzeug auch einen Stern auf der Kühlerhaube haben sollte. 1988 wurde in Germersheim ein riesiges Mercedes-Benz-Ersatzteillager gebaut. Ich fragte im LKW–Werk in Wörth nach, ob in Germersheim noch Arbeitsplätze zu vergeben seien. Es gab tatsächlich noch welche, worauf ich sofort eine Bewerbung schrieb. Am 01.12.1988 wurde ich dann als Werkfeuerwehrmann im Zentralen Ersatzteillager Germersheim eingestellt.

Bertram Orth

Im Jahre1996 wollte ich wieder zu meinen Wurzeln zurückkehren und ließ mich in meine alte Heimat in der Nähe von Kassel versetzen. Von da an arbeite ich im hiesigen Achswerk als Werkfeuerwehrmann. Zu dieser Zeit war ein Mercedes Typ 190E, 122 PS, 2000 ccm Hubraum, Baujahr 1984 mein treuer Wegbegleiter. Nach 16 Jahren und 297.000 gefahrenen km kam die traurige Trennung. Im Jahr 2000 leitet ein TÜV-Beamter die Scheidung zwischen meinem 190er Mercedes und mir ein. Die Investitionen, welche hätten finanziert werden müssen, standen in keiner Relation mehr zum Wert meines damaligen Fahrzeuges. So musste ich mich von meinem Fahrzeug trennen und ein anderes musste schnellstmöglich her.

Es gab damals im Werk Mannheim eine Gebrauchtwagenvermittlungsstelle. Hier konnte man seine Wünsche zum gesuchten Fahrzeug äußern, und wenn es das Fahrzeug irgendwo bei einem Vertragshändler oder einer Niederlassung in Deutschland gab, so wurden die Daten an den Suchenden ausgegeben.

Mein zukünftiges Fahrzeug sollte vom Typ 124 und die Farbe sollte Bornit sein. Wenn die Optik und der technische Zustand in Ordnung seien, durfte das Fahrzeug durchaus sechs bis sieben Jahre alt sein und 60.000 km – 70.000 km auf dem Tacho haben.

E-KlasseEKlasse 2

Nachdem ich bei meiner Suche einige Pleiten erlebte, kam dann doch noch die Information dass so ein Fahrzeug in Bamberg bei einem Vertragshändler zu finden sei. Man gab mir die Adresse des Händlers, ich nahm Kontakt mit diesem auf und fuhr am kommenden Tag nach Bamberg. Ich ging mit einem suchenden Blick über das Ausstellungsgelände Richtung Gebäudeeingang.

Dann sah ich ihn, ich wusste es genau: Der ist es!! Genau wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er stand da und wartete auf mich. Wir einigten uns auf eine Kaufsumme von 20.000 DM. Nun hatte ich mein Wunschfahrzeug: Typ 124, 70.000 km, 180 PS, 3000 ccm Hubraum, 6 Zylinder Automatikgetriebe, Farbe: Bornit und Stahlschiebedach. Ich schraubte das Kennzeichen ESW–AV 300 an meinen Mercedes. Dieses Kennzeichen sollte später mit meiner Person eine untrennbare Einheit werden, welches weit über die Grenzen meines Heimatortes bekannt wurde. Dann fuhr ich wieder nach Hause. Das leise summende kraftvolle Motorgeräusch hat sich bis heute nicht verändert. Auch die Kick-down-Funktion, welche mich heute noch in den Sitz presst, hat im Laufe der Jahre kein bisschen an Kraft verloren.

Zu Hause angekommen musste mein Mercedes sofort Schwerstarbeit leisten. Ich befand mich in einer Bauphase meines Hauses. Das hieß für meinen ESW-AV 300, die Materialien, welche benötigt wurden, aus den verschiedensten Richtungen und Entfernungen herbei zu schaffen. Da waren Gewichte in der Größenordnung von 2000 kg im Anhänger an der Tagesordnung. Aber es schien meinem ESW- V 300 egal zu sein, welche Last an im hing. Er zog alles, egal wohin.

Der normale Alltag meines Mercedes besteht zum Großteil daraus, mich sicher an meinen Arbeitsplatz zu bringen, was an einem Arbeitstag mit 72 km zu Buche schlägt. Zudem gibt es in Deutschland keine Stadt, die mein ESW-AV 300 noch nicht gesehen hat.

Wenn ich mich mit 230 km/h auf der Autobahn bewege klappert oder rasselt nichts. Kein lästiges Fahrgeräusch, welches meine Nerven unnötig strapaziert. Mir wurde bewusst, dass ich habe mich für einen Stern entschieden habe, welcher an Qualität und Sicherheit wohl kaum zu übertreffen ist.

Der Bekanntheitsgrad meines Fahrzeugs hat erstaunliche Dimensionen angenommen. Egal, wo ich mich mit meinem Fahrzeug befinde, man kommt immer über meinen Mercedes ins Gespräch. Die meisten meiner Freunde und Bekannten wissen, dass mein ESE–AV 300 alleine in meinem Besitz sehr viele Tonnen Sand, Beton und andere Baumaterialien für mich transportiert hat. Daher ist es für viele Menschen einfach unglaublich, dass ein PKW nach 17 Jahren und 330.000 gefahrenen Kilometern auch optisch noch ein Augenschmaus sein kann.

Tachometer

Mit einem Lächeln im Gesicht erzähle ich ungläubigen Gesichtern über die „enormen“ Reparaturkosten der letzten 10 Jahre. Es waren nämlich genau eine Lichtmaschine, eine Wasserpumpe, eine Auspuffanlage und ein Verteilerfinger. Ansonsten waren es lediglich die normalen Betriebsstoffe, die mein ESW-AV 300 benötigte.

Natürlich hat mein Mercedes einen regelmäßigen Ölwechsel und Zündkerzenwechsel erfahren. Ein regelmäßiger Blick in den Luftfilter inklusive Reinigung und Wechsel erwiesen sich als lebensverlängernde Maßnahmen für mein Fahrzeug.

Egal, wie viel Zeit mir mit meinem Mercedes noch bleibt, mir ist sehr bewusst, dass mich über diese lange Zeit ein sehr guter Stern begleitet hat, und hoffentlich noch lange begleiten wird. Aber eines ist für mich 100%ig sicher: nach diesem Stern kommt ein anderer.

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