„Wie geht es Ihnen?“ „Danke, sehr gut!“ Vorsicht Falle!

Erfahrungen aus der Sozialberatung

Zu Anfang meiner beruflichen Laufbahn beim Stern (in Stuttgart Untertürkheim) habe ich eine interessante Beobachtung gemacht.

Humor

Ich bin häufig  von Kollegen, Führungskräften und anderen Mitarbeitern mit den Worten „wie geht es Ihnen?“ begrüßt worden und antwortete meist gut gelaunt: „Danke, sehr gut!“ Erstaunlicherweise war das bei einigen Gesprächspartnern aber nicht der Beginn eines netten Austauschs sondern wurde mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck quittiert.

Schließlich sagt mir jemand ganz offen: „Ach, so gut wie Sie möchte ich es auch mal haben, aber ich ertrinke leider in Arbeit“. Erst dann ging mir auf, dass ich damit (als Nichtschwabe) möglicherweise gegen den schwäbischen (oder deutschen?) Arbeitsethos verstoßen hatte.

Und da gilt oft der Wahlspruch „Zähne zusammenbeißen und durch“.

Nun arbeite ich durchaus sehr gern und mein Job macht mir Spaß, auch wenn ich viel zu tun habe. Da, wo ich vorher den vollen Terminkalender nicht erwähnt habe, habe ich dann anschließend vorsichtshalber auf die Frage „wie geht’s“ ein wenig über die Arbeit gejammert. Und siehe da: Die Resonanz war gleich besser und das Gespräch über die Arbeit kam wesentlich lebhafter in Gang.

 Nun arbeite ich in der Sozialberatung, das ist eine innerbetriebliche Beratungsstelle beim Werksärztlichen Dienst für Führungskräfte und Mitarbeiter zu Konflikten am Arbeitsplatz, persönlichen und psychischen Problemen usw. (wir haben gesetzliche Schweigepflicht)

Und im Laufe der Zeit habe ich die Erfahrung gemacht: Die einseitig pflicht- und anstrengungsorientierte Haltung führt eher zur Eskalation von Konflikten, zu aufgestautem Ärger mit allen möglichen seelischen und körperlichen Folgeerscheinungen. Es braucht auch eine etwas lockerere, geselligere und phantasievollere Sicht auf die Dinge als Ausgleich. Es gibt ja schließlich auch den schwäbischen Spruch: „Wer schaffen will, muss fröhlich sein“.
In Abteilungen, wo ein etwas lockererer Ton herrscht, gibt es meist viel weniger Konflikte und Probleme, als wenn es bierernst und humorlos zugeht, selbst, wenn es dort objektiv mehr Arbeitsdruck gibt als in der Nachbarabteilung.

Schließlich habe ich aus der Not (leider oft so unangemessen gut gelaunt bei der Arbeit zu sein) eine Tugend gemacht und mich immer mehr mit Beratungsansätzen befasst, in denen Humor eine Rolle spielt. (z.B. systemische Ansätze, positive Psychotherapie, Idiolektik) Das bedeutet jetzt in der Beratung: hier und da mal eine Anekdote einflechten, den/die Beratene/n humorvoll anregen und ihn/sie den eigenen Humor (sei es auch Galgenhumor) als Kraftquelle entdecken lassen. Nach dem Motto: „Humor ist die Fähigkeit, heiter zu bleiben, wenn es ernst wird“. Und die Resonanz und die Effektität der Beratung haben sich spürbar erhöht.

Nun muss ich zur Ehrenrettung allerdings anfügen, dass die Lockerheit und der Humor in der Firma in den letzten Jahren etwas gestiegen ist, das hat vielleicht auch mit der modischen Entwicklung zu tun, dass Krawatten immer seltener zu sehen sind, die ja bekanntermaßen das Humorzentrum im Gehirn abklemmen können. (Für die in Sachen Humor noch Übenden: das war ein Scherz) Sehr gut tut uns auch die transkulturelle Durchmischung bei der Arbeit, wo ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen sich vermischen und im Idealfall bereichern. Aber diese Entwicklung hin zu etwas mehr Humor und Lebensart bei der Arbeit ist durchaus ausbaufähig, nur wie? Man kann ja schlecht Humorseminare anbieten. Oder doch?

Also ich freue mich auf Ideen und Rückmeldungen in Richtung Kulturwandel!

Und wenn mich heute jemand mit „Wie geht’s?“ begrüßt, sage ich nun (wenn’s stimmt) wieder „sehr gut“ und spreche, wenn ich einen merkwürdigen Blick kassiere, über die verschiedenen Möglichkeiten von Arbeits- und Lebenseinstellungen, was meist zu einem lebhaften Austausch führt.

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