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09.2011

INTERVIEW: “Prüf- und Technologiezentrum Süd”

Dr. Lothar Ulsamer, Leiter föderale und kommunale Projekte, Daimler AG

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Frage: Daimler ist auf Standortsuche für ein Prüf- und Technologiezentrum in Baden-Württemberg. Der Nellinger Gemeinderat hat entschieden, den Dialog mit dem Unternehmen fortzusetzen. Wozu brauchen Sie überhaupt ein neues Erprobungsgelände, in Papenburg gibt es doch schon ein Riesenareal? Oder soll das aufgegeben werden?

Lothar Ulsamer: In Papenburg gibt es in der Tat eine sehr ausgedehnte Prüfstrecke. Dieser Standort wird auch weiterhin genutzt und betrieben. Das Prüf- und Technologiezentrum Süd ist zusätzlich notwendig, da die Auslegung der Strecke in Papenburg und unsere Pläne hier im Land nichts miteinander zu tun haben. Papenburg ist vor allem auf hohe Geschwindigkeiten und Absicherungsfahrten im oberen Grenzbereich ausgerichtet.

An unserem künftigen zentralen Erprobungsstandort in Baden-Württemberg wollen wir die automobile Zukunft mit gestalten. Hier geht es vor allem um die Weiterentwicklung alternativer Antriebssysteme und von Fahrerassistenzsystemen. Dabei verfolgt Daimler den Weg hin zum emissionsfreien und unfallfreien Fahren. Wir wollen weiterhin sicher stellen, dass innovative Technologien der Automobilindustrie „Made in Baden-Württemberg“ bleiben.

Frage: Kürzlich wurden im Werk Sindelfingen ein Fahrsimulator, Klima- und Windkanäle eröffnet. Reichen diese nicht, um Technologien zu erproben und könnten damit nicht die Menschen in der Region entlastet werden?

Ulsamer: Klar lässt sich dort vieles im Vorfeld simulieren und abklären – und Zeit sparen unsere Entwickler auch noch. Aber an einer Überprüfung der Theorie in einem praxisnahen Umfeld kommen wir nicht vorbei. So soll auf dem Gelände des Prüf- und Technologiezentrums etwas vollkommen Neuartiges entstehen: unter anderem eine Fläche, auf der sämtliche Situationen des Stadtverkehrs simuliert werden können. Das ist zentral, etwa um die Fußgängersicherheit weiter zu erhöhen und den Fahrer in dichten Verkehrssituationen bei der Gefahrenabschätzung optimal zu unterstützen. Unsere Zukunftsinvestition in Sindelfingen ist ein wichtiger Baustein, das Prüfzentrum Süd ein weiterer. Beides direkt in Baden-Württemberg, das als Hightech-Standort der Automobilindustrie weiter gestärkt wäre.

Frage: Und da suchen Sie sich ausgerechnet die fruchtbaren Äcker in Sulz und Nellingen oder ausgedehnte Waldstücke in Empfingen aus?

Ulsamer: Natürlich ist unser Vorhaben auf einer Fläche zwischen 150 und 300 Hektar Land ein großer Eingriff in bestehende Strukturen – dessen sind sich alle Beteiligten bewusst. Damit gehen wir verantwortungsvoll um. Unser Ziel ist auch, diesen Eingriff so gering als möglich zu halten. Schutzzonen für Natur, Tiere oder Pflanzen sind ohnehin tabu. Bei der Standortsuche muss natürlich sorgfältig abgewogen werden: das Verhältnis zwischen einer Veränderung der aktuellen Nutzung und den positiven Chancen, die sich aus unserer Ansiedlung ergeben, muss stimmen.

Frage: Aber es gibt doch genug Flächen, die schon bebaut sind und einer neuen Nutzung offen stehen. Es fällt sofort der Hockenheimring ein oder auch ehemalige Bundeswehr-Standorte.

Ulsamer: Wenn Sie unserem Unternehmen eine geeignete Brachfläche im Land anbieten können – nur zu. Wir sind da offen! Sie können sicher sein: die bekannten Konversionsflächen haben wir ausgiebig geprüft und selbstverständlich hatten diese absoluten Vorrang. Das gilt auch für neue Optionen, die möglicherweise dazu kommen. Unsere Experten haben deutlich über 100 Areale eingehend begutachtet – bevor wir hinsichtlich Acker- und anderer Gemeindeflächen auf unsere Gesprächspartner zugegangen sind. Bisher hat sich keine geeignete Konversionsfläche gefunden.

Dies hat ganz unterschiedliche Gründe von Altlasten über ungeräumte Munitionsreste bis unzureichende Zufahrtsmöglichkeiten. Schließlich wollen wir auch nicht zu weit von unserem Entwicklungszentrum in Sindelfingen weg gehen und Ortsdurchfahrten möglichst ausschließen, um die Belastung für den öffentlichen Straßenverkehr und die Anwohner gering zu halten.

Frage: Lärm, Abgase, 24-Stunden-Dauerbetrieb – das kann doch keinem Anwohner gefallen!

Ulsamer: Das sind sehr berechtigte Bedenken der Bürgerinnen und Bürger in den Gemeinden, ohne Zweifel. Diese Fragen sind ganz zentral in den Diskussionen, die mein Kollege Reiner Imdahl aus der Entwicklung und ich vor Ort führen. Alle Themen werden wir ausgiebig analysiert. So plant das Unternehmen etwa nicht nur ein Lärmgutachten, sondern auch ein umfangreiches Gutachten zur Agrarstruktur, das mögliche Lösungswege für betroffene Landwirte aufzeigen soll.

Um die Lärmbelastung möglichst gering zu halten werden selbstverständlich alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, die eine zusätzliche Geräuschkulisse für die Anwohner ausschließen. Tendenziell lässt sich sagen, dass elektrisch betriebene Autos sehr wenig Lärm verursachen. Und da überwiegend emissionsfreie Fahrzeuge im Einsatz sein sollen, werden Abgase und Lärm ein wesentlich geringeres Problem darstellen als manch einer heute befürchtet. Alle Anliegen werden wir offen besprechen, aber auch die großen Chancen für die Gemeinden darstellen, die sich aus einer möglichen Ansiedlung ergeben können.

Frage: Der Widerstand regt sich und hat sich auch schnell organisiert. Wie will der Konzern seine Pläne durchsetzen?

Ulsamer: Durchsetzen wollen wir gar nichts. Wir führen einen offenen, sehr transparenten Dialog und wollen die Menschen von unserem Projekt überzeugen. Denn ein Erwerb von Grundstücken erfolgt nur mit Einverständnis der Gemeinde sowie der Eigentümer – ohne deren Zustimmung gibt es kein Prüfzentrum.

Und den Dialog nehmen wir ernst: aus den Gesprächen wollen wir immer neue Ideen aufnehmen und so das Projekt gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern weiterentwickeln. Dabei sind wir bereits auf einem prima Weg. Zum Beispiel gehen die Überlegungen, eine eigene, regenerative Energieversorgung auf dem künftigen Gelände aufzubauen, auf konkrete Anregungen aus der Bürgerschaft zurück.

Noch etwas zum Stichwort ‚Chancen’: Wir sind uns sicher, dass die Ansiedlung eines Prüf- und Technologiezentrums für die entsprechende Gemeinden viele – nachhaltige – Vorteile bietet. Das Unternehmen schafft vor Ort direkte Arbeitsplätze, es steht für eine langfristige strategische Nutzung und eine stabile ökonomische Perspektive. Auch von Impulsen für die lokale Wirtschaft, über das reine Projekt hinaus, ist auszugehen.

Frage: Klare Ansagen können Vertrauen schaffen. Anfangs wurden 30 Arbeitsplätze im Zusammenhang mit dem Prüfzentrum genannt, nachdem es hierzu Kritik hagelte sind daraus plötzlich 300 geworden. Ein leeres Versprechen?

Ulsamer: Unser Haus und wir als Projektleiter stehen für Verlässlichkeit. Unsere Zusagen sollen belastbar sein und wir garantieren nur, wofür wir hinterher auch einstehen können. Dabei halten wir es für glaubwürdiger, nicht immer gleich zu viel zu versprechen – das von Ihnen genannte Thema ist hierfür ein gutes Beispiel. Die 30 Arbeitsplätze waren in unseren Kalkulationen die Mindestzahl an Mitarbeitern, die wir brauchen, um den reibungslosen Betrieb eines solchen Prüfzentrums sicher zu stellen. Die weiteren Beschäftigten vom Ingenieur bis zum Erprobungsfahrer haben wir damals noch nicht mitgerechnet. Das haben wir dann nachgeholt und können seither die Zusage von 300 direkten Arbeitsplätzen machen. Das ist auch vom Daimler-Vorstand bestätigt. Immer vorausgesetzt, dass alle geplanten Module auch umgesetzt werden können.

Frage: Wie geht es denn nun in dem bereits lange andauernden Suchprozess weiter?

Ulsamer: Für den offenen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Gemeinden, über die wir sprechen, nehmen wir uns gerne die notwendige Zeit. Auch die entsprechenden Gutachten werden in aller Ruhe erstellt, bewertet und öffentlich gemacht. Wir weisen ja auch an anderer Stelle darauf hin: Passende Lösung für die jeweiligen individuellen Situationen zu finden, braucht Zeit. Daher kann ein konkreter Zeitplan für den Bau erst nach der Festlegung eines Standorts entwickelt werden. Diesbezüglich ist es unsere internes Ziel – abhängig vom weiteren Verlauf der Gespräche – möglichst bis Jahresende intern die Fokussierung auf einen Standort zu vereinbaren, mit dem wir dann die Realisierung weiter voran treiben wollen.

Auszüge des Interviews im Gespräch mit Dr. Lothar Ulsamer

Dr. Lothar Ulsamer ist seit 2005 Leiter föderale und kommunale Projekte bei der Daimler AG in Stuttgart und seit 1995 im Unternehmen. Zuvor arbeitete der gebürtige Stuttgarter unter anderem im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung Baden-Württemberg. Sein Studium hat Ulsamer in den Fachbereichen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Politikwissenschaft und Empirische Kulturwissenschaft/Volkskunde absolviert.



Update vom 26.10.2011:

Im Rahmen der Bundeswehrreform am 26.10. wurde bekannt gegeben, dass die 1958 erbaute Oberfeldwebel-Schreiber-Kaserne und der dazu gehörige Truppenübungsplatz in Immendingen geschlossen werden. Daraufhin hat Daimler entschieden, sich mit den Planungen für das Prüf- und Technologiezentrum Süd auf die Gemeinde Immendingen zu konzentrieren und die weiteren möglichen Standorten in Sulz am Neckar und Nellingen / Merklingen bis auf weiteres zurückzustellen.

Bereits zu Beginn des Projektes wurde von Unternehmensseite immer wieder betont, dass die Folgenutzung einer Konversionsfläche oberste Priorität bei der Standortansiedlung hat. Mit den Beschlüssen der Bundeswehrreform hat sich in Immendingen nun eine ideale Perspektive für das Projekt ergeben. Voraussetzung für die Ansiedlung vor Ort ist, dass das Gelände auch zu wirtschaftlich angemessenen Konditionen erworben werden kann und in einem geeigneten Zeitraum die Genehmigungen für Bau und Betrieb des Prüf- und Technologiezentrums erteilt werden.

Daimler wird nun die entsprechenden Gespräche mit der Gemeinde und allen zuständigen Institutionen aufnehmen. Ein erfolgreicher Abschluss dieses Prozesses ist die Voraussetzung für eine Realisierung des Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen. Parallel setzt das Unternehmen den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern fort, um die Details des Projekts vor Ort weiterzuentwickeln.

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      1. 1. Rainer

        Kommentar vom 21. September 2011 um 09:20

        Ein zentraler Erpobungsstandort in Baden Württemberg mit einem Prüf- und Technologiezentrum aufzubauen ist die einzig richtige Entscheidung des Unternehmens. Die schwäbische Alb in der Umgebung Nellingen hat durch die Nähe zur Entwicklung, die gute Zufahrt und die idealen Geländebedingungen, die besten Voraussetzungen dazu. Weiter sind auch die attraktiven vorgesehenen Arbeitsplätze nicht außer acht zu lassen.
        Papenburg (ATP) ist ein Beispiel dafür, wie sich solch ein Testgelände in die Natur einfügen kann. Gut ist, daß der Nellinger Gemeindreat den offenen Dialog mit dem Unternehmen weiterführt. Für die nähere und weitere Zukunft der Gemeinden im Umfeld wäre eine positive Entscheidung nur von Vorteil. Kurze zeitsparende Wege zur Teststrecke sind aus meiner Sicht ein weiteres Plus für effektives Arbeiten.

        Antwort

      2. Marcus Schlüter (Moderator)

        2. Marcus Schlüter (Moderator)

        Kommentar vom 27. Oktober 2011 um 12:29

        Update im Beitrag! “…Daimler fokussiert seine Planungen für ein Prüf- und Technologiezentrum…” – Artikel in Südwest Presse

        Antwort

        Antwort von Christian am 23. November 2011 um 11:30:

        Es ist unglaublich, wir fahrlässig unsere Gemeinde ( den Namen nenne ich hier mal nicht ) mit dem Daimlerangebot eines Prüfzentrums umgeht. .”…… aber das ist doch guter Boden, der da verschandelt wird..” So die Mehrheit der Aussagen. Die Bauern haben Angst um ihren Boden. So ein Schwachsinn. Als ob da auch nur ein Bauer in den nächsten 10 Jahren auch nur eine Kartoffel einpflanzt.
        Die Gemeinde ist praktisch pleite und hat eine enorme pro kopf Verschuldung. Aber einen Mc Donalds baut man und evtl. ein Bordell soll nach ersten Gerüchten kommen, ganz zu schweigen von Spielhallen!!!
        Geht´s noch???
        So eine Chance kommt NIE WIEDER!!!! Unglaublich!

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