“Off Duty”: Paralympics 2012 in London – und ich war dabei


Unsere Mitarbeiter sind nicht nur während ihrer Arbeitszeit motiviert, sondern engagieren sich oft auch in ihrer Freizeit in anderen, teilweise außergewöhnlichen Projekten. Diese wollen wir in der Reihe “Off Duty” kurz vorstellen.

Ende 2011, kurz nach den letztjährigen Weltmeisterschaften im Rollstuhlfechten, flatterte mir meine Nominierung als „Technical Official“ für die Paralympics 2012 in London auf den Tisch. Der Weltverband für Rollstuhlfechten, die „International Wheelchair and Amputee Sports Federation“ (kurz: IWAS), hatte mich für die Funktion des Oberkampfrichters in das Technische Direktorium, also die Wettkampfleitung, berufen.

Obwohl ich schon bei einigen Großveranstaltungen mitgemacht hatte, so sind Paralympics doch etwas Besonderes. Nicht nur für die Athleten, auch für Kampfrichter und Funktionäre ist die Nominierung zu solch einem Event einfach das Größte. So war meine Freude natürlich riesig – live vor Ort bei den Paralympics in London! Nach den Paralympics 2004 in Athen, an denen ich als Kampfrichter teilnehmen durfte, sollten das nun meine zweiten Spiele werden. Dieses Mal sogar in leitender Funktion! Am 1. September, drei Tage nach Eröffnung der Spiele, war es für mich dann soweit: ich saß im Flieger von Stuttgart nach London und war schon gespannt, was mich in den kommenden Tagen so alles erwarten würde.

Bereits am Flughafen Heathrow erlebte und spürte ich die außerordentliche britische Begeisterung für die Spiele. Schon vor der Passkontrolle wurde ich mit meiner Akkreditierung an den Warteschlangen vorbei geschleust und an einem Extra-Schalter zügig abgefertigt. Als Offizieller stand mir auch ein Transportservice zu, und so fuhr ich als einziger Passagier in einem großen Bus in einer 1½-stündigen Fahrt ins „Paralympische Dorf“, das direkt neben dem Olympiapark im Bezirk Stratford lag. Hier wartete erneut ein Sicherheitscheck auf mich, bevor ich den Hochsicherheitstrakt „Paralympisches Dorf“ betreten und mein Zimmer beziehen konnte. Wobei Dorf ist nicht ganz richtig. Rund 7.000 Athleten, Betreuer, Kampfrichter und Funktionäre aus aller Herren Länder machen diesen abgesperrten Ort zu einer Multi-Kulti-Stadt, in der es so ziemlich alles gab: von einer riesigen Speisehalle über Wäscherei, Frisör, Bank, Postamt, Blumenladen, … bis hin zum Hospital war hier wirklich alles vorhanden.

Natürlich kann man sich bei so einem Event nicht aussuchen wie man rumlaufen möchte, sondern muss sich an den offiziellen Dresscode halten. Für meinen Einsatz und die Freizeit wurde ich komplett eingekleidet, und so verließ ich die Kleiderkammer vollbepackt mit 2 großen Taschen und einem Kleidersack. Der Inhalt beanspruchte dann schon allein meinen halben Koffer. Eine Kleiderordnung legte für alle fest, was wann und wo zu tragen ist, und welche Bestimmungen es bezüglich Werberichtlinien für die Freizeit gab.

Schon am Tag nach der Anreise begann dann auch meine Arbeit und für zwei Tage jagte ein Meeting das andere. Die 32 aus aller Welt angereisten Kampfrichter mussten begrüßt, eingeteilt und eingewiesen werden. Es war zu überprüfen, ob die nach den Judo-Wettbewerben umgebaute Wettkampfhalle im Londoner Messezentrum „ExCeL“ unseren Vorgaben und den Ansprüchen an die Wettkämpfe genügte, ob die Zugänge zu den Fechtbahnen passten und nicht zuletzt, ob die Technik auch wirklich zuverlässig funktionierte. Viel Zeit blieb nicht, denn schon am 4. September starteten die langersehnten Wettkämpfe. An einen geregelten 8-Stunden-Tag war nun nicht mehr zu denken!

Unterstützt wurden wir überall und rund um die Uhr von zahlreichen sogenannten „Games Makers“ (Volunteers), die alle ihr Bestes gaben, um uns und alle Athleten, Offizielle und Zuschauer zu unterstützen und die Spiele perfekt zu gestalten. Und das ist ihnen auch gelungen! Als es dann endlich richtig mit den Fechtwettkämpfen losging und alles perfekt funktionierte, wich auch bei mir etwas die Anspannung und ich konnte die tolle Atmosphäre genießen. Die Athleten standen sich auf der Fechtbahn als Gegner gegenüber, reichten sie sich jedoch nach dem Kampf gleich wieder freundschaftlich die Hände. Eine fast schon familiäre Stimmung herrscht bei den „Rollis“ und insgesamt ist der Umgang nicht so verbissen, wie bei zu den „Fußgängern“, wie die nichtbehinderten Fechter liebevoll betitelt werden.

Fair-Play und ein freundschaftlicher Umgang stehen bei den Rollstuhlfechtern im Vordergrund. Ein besonderer Akt der Fairness war die Hilfe für einen Fechter aus Malaysia: ihm war im Wettkampf der Rahmen seines Fechtrollstuhls gebrochen. Eigentlich hätte er den Wettkampf dadurch beenden müssen, wenn ihm nicht ein Ersatzstuhl von einem polnischen Fechter angeboten worden wäre!

Unter den rund 150 deutschen paralympischen Athleten war dieses Mal nur eine deutsche Rollstuhlfechterin: Simone Briese-Baetke aus Tauberbischofsheim. Auf dem Papier zählte sie klar zu den Favoritinnen im Florett- und Degenwettbewerb, war aber nach einer Verletzungspause am Jahresanfang durch eine fast 3-monatige Rehabilitationsphase gehandicapt. Durch meine Position musste ich mich im Wettbewerb leider etwas zurückhalten, doch insgeheim hoffte ich natürlich auf deutsches Edelmetall gleich am ersten Wettkampftag. Leider schied Simone bereits im Viertelfinale aus und wurde Sechste. Am Folgetag jedoch durfte Simone nach einer tollen Leistung im Degenwettbewerb verdient Silber hinter der Thailänderin Saysunee Jana in Empfang nehmen. So konnte ich am Abend im „Deutschen Haus“ mit ihr und dem deutschen Team noch etwas feiern.

Die Stimmung in der fast immer voll besetzten Halle bei den Wettkämpfen und in London war gigantisch! Wie Rio das in vier Jahren übertreffen will, bleibt mir ein Rätsel.

Am Sonntagabend kam dann nach 5 Wettkampftagen die Abschlussveranstaltung mit einem beeindruckenden Showprogramm. Ein unglaubliches Gefühl so hautnah dabei zu sein und mit den Athleten und Offiziellen das Ende der Paralympics zu feiern!

Müde, zufrieden und um zahlreiche Erfahrungen reicher musste ich mich dann leider am 10. September auf den Heimflug begeben. Die Eindrücke waren kaum im Bild festzuhalten – natürlich habe ich es trotzdem probiert und meiner Familie und Freunden stolz meine rund 500 Fotos präsentiert. Eines weiß ich schon heute ganz genau: in Rio 2016 möchte ich gerne wieder dabei sein! Paralympics machen süchtig …

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