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10.2012

“e-mobil BW Technologie-Tag”: Gegen den Strom

Das „Henne –Ei“- Problem. Es kursiert heftig beim Stammtischgespräch über Elektroautos. Das Henne-Ei-Problem soll der Grund sein, warum es bei der Elektromobilität in Deutschland bisher nicht richtig „funkt“. Grob beschrieben: Es gibt keine Elektroautos, weil es keine Ladestationen oder Tankstellen für Wasserstoff (für die Brennstoffzellen-Fahrzeuge) gibt. Und es gibt keine Ladestationen oder Tankstellen, weil es keine Autos gibt. Und deshalb gibt es bis in alle Ewigkeit, jedenfalls bis uns das Öl ausgeht, Autos mit Verbrennungsmotoren. Amen.

Beim “e-mobil BW Technologie-Tag” (BW=Baden Württemberg)  am 11. Oktober habe ich Menschen getroffen, die das komplett anders sehen. Sie sind von der Zukunft der Elektromobiliät überzeugt und “schwimmen gegen den Strom”.  Indem sie einfach damit beginnen. Circa 4000 Besucher von Ausstellungen, Vorträgen und Diskussionsrunden konnte die Stuttgarter Messe in drei Tagen zu den Veranstaltungen „f-cell“, „Battery + Storage“ und dem „e-mobil BW-TECHNOLOGIE-Tag“ zählen. Wer wollte, konnte sich ein eindrucksvolles Bild davon machen, wie weit man in Deutschland und speziell im Ländle mit der Elektromobilität schon ist. Da wären zunächst die Fahrzeuge: In der Ausstellung zu sehen und draußen zur Probefahrt bereit waren unter anderem der Mercedes-Benz Vito E-CELL, der smart fortwo electric drive und die Mercedes-Benz B-Klasse F-CELL. Alle bereits in Serie gefertigt. Einsteigen und losfahren.

- Die Autos sind zu teuer?  Haben Sie schon mal überlegt, warum Sie heute vielleicht eine erschwingliche Digitalkamera besitzen? Weil vor 15 Jahren irgendjemand gesagt hat, „das ist besser als das Bisherige, das kaufe ich“. Und vollends ausgereift war die Digitalfotografie damals nicht.

- Die Autos haben keine Reichweite? 150 km bei den batterie-elektrischen Fahrzeugen und circa 400 km pro Wasserstoff-Füllung bei der Brennstoffzelle klingen gerade im Vergleich zu Autos mit Dieselmotor nach wenig, aber mal ehrlich: wie viel Kilometer fahren wir alle wirklich am Tag, zum Job, zum Einkauf,  hin und zurück?

- „Emissionsfrei fahren“ heißt bei den Elektroautos ja in Wirklichkeit nur „lokal emissionsfrei“ fahren. Also könnte es sogar sein, dass Sie beim Fahren mit dem Elektroauto noch Strom aus dem Atomkraftwerk nutzen? Wie gruselig….zum einen gibt es eigentlich immer für Nutzer von batterie-elektrischen Elektrofahrzeugen spezielle Verträge des jeweiligen Stromanbieters, die umweltfreundlichen Strom (zum Beispiel aus Wasserkraft) garantieren. Zum anderen: Wollen Sie mit dem Spaß am elektrischen Fahren ungefähr noch dreißig Jahre warten, bis das letzte tschechische Atomkraftwerk abgeschaltet ist? Wenn es denn abgeschaltet wird? Das wäre zwar vollkommene, politisch korrekte „Askese“. Aber es bringt uns alle langfristig nicht weiter, oder?

„Eine gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorneherein ausgeschlossen ist“ sagte einst Albert Einstein. Das sagt sich so leicht, der Mann hatte jede Menge erfolgreicher Ideen.  Auf der Messe konnte ich an 140 Unternehmen vorbeigehen, die ihre Ideen und Lösungen zu Batterien und der Strom-Speicherung präsentierten, darunter High-Tech-Namen wie Siemens, Deutsche ACCUmotive und Manz. Die ganze Wertschöpfungskette der Speicherherstellung von der Forschung und Entwicklung über Materialien, Zellfertigung und Batteriesystemen bis zum Thema Wiederverwendung der Rohstoffe über Recycling-Technologien wurde präsentiert. Verwirklichung nicht ausgeschlossen, im Gegenteil. Der Mercedes-Benz Vito E-CELL wurde übrigens als erster in Serie gefertigter Elektrotransporter mit dem Preis der „Initiative Deutschland- Land der Ideen“ ausgezeichnet. Und bei der Veranstaltung „f-Cell“ trafen sich 1000 Teilnehmer aus 30 Ländern zu einem Fachforum. Hierbei ging es auch um ein Gesamtkonzept zur Elektromobilität mit Brennstoffzellenfahrzeugen, die aus erneuerbaren Energien produzierten grünen Wasserstoff tanken. Firmenvertreter stellten dazu ihre Flottenkonzepte  und Erfahrungen mit Brennstoffzellenfahrzeugen vor.

Schwerpunkt des letzten Tages der Messe, dem genannten  ”e-mobil BW Technologie-Tag”, war das „Schaufenster Elektromobiliät“: Dabei werden staatlich vier Regionen in Deutschland finanziell gefördert. Darunter sind „Living Lab BW E-Mobil“ (Baden-Württemberg), „internationales Schaufenster der Elektromobilität“ (Berlin/Brandenburg), „unsere Pferdestärken werden elektrisch“ (Niedersachsen) und „Elektromobilität verbindet“ (Bayern/Sachsen). Als „Schaufenster“ sind laut Bundesverkehrsministerium diejenigen Vorhaben ausgewählt worden, in denen die innovativsten Elemente der Elektromobilität an der Schnittstelle von Energiesystem, Fahrzeug und Verkehrssystem gebündelt und deutlich – auch international – sichtbar gemacht werden. Die Projekte können nun auf Fördergelder von jeweils bis zu 50 Millionen Euro hoffen. Insgesamt stehen über einen Zeitraum von drei Jahren 180 Millionen Euro zur Verfügung. Viel Geld also für eine Technologie, die von manchem (immer noch) nicht ernst genommen wird. Das „Living Lab BW E-Mobil“konzentriert sich als Schaufenster-Region mit ihren Aktivitäten auf die Region Stuttgart und die Stadt Karlsruhe. Rund 120 Partner haben sich in 41 Einzelprojekten zusammengeschlossen. Das gesamte Projektvolumen beträgt 153 Millionen Euro. Bis Ende 2015 sollen mehr als 3.100 Elektrofahrzeuge eingesetzt werden. Natürlich kann niemand garantieren, ob die Zahl wirklich genau erreicht wird, aber es ist ein Anfang.

Und dann gibt es noch den „Forschungscampus Arena 2036“: Dazu errichtet die Uni Stuttgart mit ihren ihren Instituten und vielen Partnern, dabei auch BASF, Daimler und Boss, eine “Forschungsfabrik”. Hier werden neue Leichtbaustoffe Produktionsverfahren für Autos entwickelt. Dabei sind auch die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Deutschen Institute für Textil und Faserforschung. Mittelständische Unternehmen steuern Transportsysteme und eine Simulationssoftware bei. 20 Millionen Euro werden die Wirtschaftspartner in den ersten fünf Jahren investieren, mit weiteren sechs Millionen Euro unterstützt die Uni Stuttgart. So könnte das Auto der Zukunft nicht nur elektrisch fahren, sondern auch mit nachhaltigen Leichtbaustoffen für mehr Reichweite gebaut werden.  Ich konnte während eines Vortrags eine Präsentation sehen, wie so ein Auto gebaut werden könnte: In einer lichtdurchfluteten Fabrik, die wie ein Atelier aussieht, bauen Roboter und Produktionsmitarbeiter gemeinsam verschiedene Elektroautos auf Basis einer Plattform zusammen.

Total utopisch? Vielleicht. Noch. Aber das konzentrierte Zusammenwirken so vieler schlauer Köpfe bei den Veranstaltungstagen und den vielversprechenden Projekten beeindruckt mich bei weitem mehr als der voreilige Abgesang auf das Elektroauto, wenn etwa der Auto-Gipfel zur Elektromobilität im Kanzleramt nicht die erwarteten schnellen Ergebnisse brachte. Ginge es nur danach (und nach dem Stammtisch), hätte Bertha Benz mit dem Patent-Motorwagen vor über 125 Jahren auch nicht zur ersten Autofahrt von Mannheim nach Pforzheim starten sollen. Denn es gab auf der Strecke nur eine Tankstelle, sprich Apotheke, für den Treibstoff. Es wäre einfach vernünftiger gewesen, das erste Auto der Welt im Schuppen zu lassen. Das Henne-Ei-Problem. Also, wo sind heute die Frauen, die das Elektroauto “aus der Garage” holen? Uns Männern muss (scheinbar wieder) geholfen werden…

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Dieser Artikel wurde von geschrieben. In diesem Blog schreiben Daimler-Mitarbeiter und einige wenige Gastautoren. Unsere Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Konzerns und schreiben über eigene Eindrücke, Geschichten und ihre persönliche Meinung und geben so Einblicke in den Konzern. Warum wir das machen, finden Sie auf unserer Seite über das Blog.
 

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Was sagen Sie zu diesem Thema? Derzeit 2 Kommentare. Diskutieren Sie mit!

  1. 1. Sven Alpers

    Kommentar vom 16. Oktober 2012 um 12:55

    Wasserstoff und Brennstoffzelle könnten sicherlich in relativ naher Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Ich fürchte nur, das daran weder die Erdölindustrie und auch unser Staat kein wirkliches Interesse haben.
    Man stelle sich einmal vor, dass ein jeder von uns in der Lage wäre, den Strom, den er mit der Photovoltaikanlage auf dem Dach oder einem Windrad selbst erzeugt und nicht selbst verbraucht, zu Hause in Wasserstoff umwandelt und speichert. Mittels einer Brennstoffzelle im Haus könnte der Wasserstoff dann in Strom und Wärme rückverwandelt werden und wir könnten das eigene Fahrzeug betanken, so es denn Bremnnstoffzellenantrieb hat. Die dazu notwendige Technologie ist bereits heute vorhanden und würde bei den zu erwartenden hohen Stückzahlen auch bezahlbar werden. Nur, wir wären weitestgehend autark und niemand würde an unserem Energiebedarf Geld verdienen oder Steuern erheben. Netzbetreibern, Energieversorgern und Mineralölkonzernen würde das Geschäftsmodell einfach wegbrechen. Daran haben diese natürlich kein Interesse und so wird nach Kräften versucht das absehbare Ende hinauszuzögern.
    Ich wünsche unserem Unternehmen die Kraft und das Durchhaltevermögen seinen Teil zur Energiewende beizutragen.

    Antwort

    Antwort von Matthias Donauer am 16. Oktober 2012 um 14:38:

    Herr Alpers,
    ihre Idealvorstellungen in allen Ehren, aber leider müssen wir uns an die physikalischen Gesetzmäßigkeiten halten.
    Die Kette: Strom >> Wasserstoff >> Strom ist besonders ineffizient (1 MJ Strom >> 0,5 MJ Wasserstoff >>0,2 MJ Strom beim Verbraucher). Damit sind Konzepte mit Wasserelektrolysen als Komponenten eines Stromspeichersystems aus energetischer Sicht nicht sinnvoll. Sie stellen nur eine ultima ratio dar, wenn sich die Speicherung für fluktuierende Stromproduktion über Batterietechnologien nicht in den benötigten Dimensionen realisieren lässt.

    Aktuell wird Wasserstoff zu 90% durch das Steamreformingprozess aus dem Primärenergieträger Erdgas gewonnen.

    Daimler, Linde etc. leisten auf dem Gebiete der Brennstoffezelle definitiv pioneerarbeit. Wann sich der wirtschaftliche Erfolge allerdings einstellen wird, ist sehr fraglich (in 10 , 20 oder 30 Jahren ??). Das vollmundige Versprechen 2014 mit der B-Klasse in Serie zu gehen kann aus Kostengründen nicht eingehalten werden. Ganz zu schweigen von dem ungelösten Problem der fehlenden Infrastruktur.
    Ich glaube erst in naher Zukunft werden wir realisieren, wie verschwenderisch wir derzeit mit dem kostenbaren Gut “Erdöl” umgegangen sind.

    Antwort

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