Persisch? Schwäbisch!

Geboren in Teheran, bin ich heute so was von Schwäbisch – behaupten zumindest meine Kollegen und Freunde. Woran das wohl liegt? Bevor ich nach Deutschland kam, hab’  in Teheran mein Abitur in Mathe und Physik gemacht und angefangen dort zu studieren.

In Deutschland angekommen, hieß es für mich erst einmal Deutsch zu lernen und einen Studienplatz zu ergattern – keine leichte Aufgabe, denn zunächst wurde mein Abschluss in Deutschland nicht anerkannt. Also ging ich zur Berufsschule in Esslingen. Im zweiten Jahr ging ich als Kommunikationsassistentin zur Steinbeis-Schule nach Stuttgart, dort bekam ich die Fachhochschulreife.

Allein unter “Nerds”

Ich durfte endlich in Deutschland studieren! Wissen die Deutschen eigentlich, was für eine Menge an Möglichkeiten und Fächern es in Deutschland zu studieren gibt? Davon konnte ich im Iran nur träumen!  Ich wollte natürlich etwas studieren,  was auch Zukunftsaussichten  versprach. Ich wollte mein Geld verdienen. Ok, also „Informatik“.  Auf der Berufsschule hatte ich geringe IT-Kenntnisse gesammelt,  ich dachte mir, „versuche es“.  Ab ging es an die Stuttgarter Hochschule für Technik  -als einzige Frau in dem Studiengang. Am ersten Tag im den Hörsaal waren um mich herum circa 40 Männer. Ist Informatik in Deutschland nichts für Frauen?  -Allein unter „Nerds“… nein, das wäre unfair. Die Studienkollegen waren alle sehr nett, und eigentlich war ich ja mit meinen Anfängerkenntnissen der „Nerd“. Wir haben uns beim Lernen gegenseitig viel geholfen. Mein Dekan an der Uni konnte sogar Persisch!

Dann kam “Der Daimler”

Ich konnte nebenher verschiedene Praktika belegen, zum Beispiel bei der Schweizer Post in der IT. Meine Bachelorarbeit schrieb ich bei einer Tochterfirma von Porsche. Thema: Ein IT-System zu entwickeln, das als interner Katalog von IT-Dienstleistungen fungiert.  In der Zeit, in der ich die Bachelorarbeit geschrieben habe, habe ich mich bei Daimler auf eine CAReer-Stelle beworben, wobei ich schon dachte, das wäre unerreichbar. Man hat mir dann von Daimler plötzlich einen Online-Test per Mail geschickt, den ich ohne Vorbereitung in einer vorgegebenen Zeit ausfüllen musste. Sehr spannend!  Es folgte danach ein zweitägiges Assessment-Center.  Mitten auf einer Zugfahrt erreichte mich der Anruf: „Sie haben die CAReer-Stelle!“ Ich musste erst mal auflegen und einfach schreien. Vor Freude:  IT- Enterprise-Architect- bei Daimler!

Das Team von Trainees und Praktikanten in China

Bei Daimler angekommen, musste ich mich orientieren, als „CAReerlerin“  mit meinen Vorgesetzten die  „Module“,  also in welchen Abteilungen ich stationär eingesetzt werden sollte,  festlegen. Ich arbeitete zunächst im Bereich „Business Innovation“,  als Nächstes im Cannstatter  Motorenwerk.  Im  Schichtbetrieb, das war echt interessant: Montage, Qualitätscheck, usw. Danach ging es zu den Trucks ins Werk nach Wörth. Dann folgte der Einsatz in einer Niederlassung in Rostock. Weil ich über Sales-Anwendungen IT-seitig schon ganz gut Bescheid wusste,  wurde ich von den Kollegen dort im Norden gleich als „IT-Sachverständige“ angesehen. Na gut, jedes Problem konnte ich leider nicht lösen.

Ab ins Ausland

Ein Auslandseinsatz stand danach auf dem Programm, ich wollte eigentlich nach Amerika, das wurde es auch fast-  China. Mir wurde mulmig. 16 Stunden Flug. Alles sah in Peking anders aus. So modern. So riesig. In dem Gebäude, das ich jeden Tag betrat, gab es sechs Fahrstühle mit sechs Menschenschlangen davor. Die Zeit zum 15. Stockwerk musste man einkalkulieren…

Ich in der Verbotenen Stadt in Peking

Ich traf in Peking  sofort viele Deutsche. Die Deutsche Community in Peking findet sich immer.  Dann ging es an die Arbeit. Meine Aufgabe im IT-Bereich: Die Sales- und Aftersales-Prozesse und  Systeme IT-seitig darzustellen, zum Beispiel was wird dort überhaupt produziert? was mit in China produzierten Fahrzeugen passiert?  wie kann man dort ein Auto bestellen?  und wie Importfahrzeuge aus Deutschland verwaltet werden.  Ich wusste zunächst gar nicht, wo ich anfangen sollte. Das Team bestand aus Deutschen und  Chinesen,  wir unterhielten uns auf Deutsch und Englisch. Aber wie fährt man eigentlich in Peking mit der Straßenbahn? Nicht an die Schrift, sondern an die Nummern der Bahnen halten!  Und wenn man die Schrift der Stadtpläne nicht lesen kann, dann die Strecken am besten als ganzes Bild merken. Die Taxifahrer konnten kein Englisch. Blieb auf den Wegen zwischen Hotel und Arbeitsplatz eben nur die Bahn. Das IT-Team von Daimler dort war klasse,  ich habe es echt ins Herz geschlossen.

China to Schwabenländle

Was habe ich von dort mitgenommen?  Die Menschen in meinem Arbeitsumfeld in China gingen sehr respektvoll miteinander um. Und ein „geht nicht“ „gibt’s nicht“.  Ich habe das auch zu meinem persönlichen Motto gemacht.  Jetzt arbeite ich nach Abschluss meines CAReer-Programms als Assistentin einer Führungskraft bei  IT „Sales und Marketing“. Ich habe einen weiten Weg, auch in der persönlichen Entwicklung, von Teheran bis ins Schwabenländle zurückgelegt. Ich habe Deutsch gelernt,  ich habe „den Daimler“ kennengelernt. Und bin angekommen.  Wenn man mich heute fragt, als was ich mich fühle, was ich als Person denn jetzt eher sei,  Persisch oder Deutsch, dann sage ich…. Ihr wisst schon.  Siehe oben!

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