Eindrücke vom 4. Syrien-Hilfskonvoi

Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Bei einem humanitären Hilfskonvoi ist die Antwort eindeutiger: Der „Mäzen“ und seine Unterstützer.

Im Falle der Daimler-Hilfskonvois zu den syrischen Flüchtlingslagern ist dies Wolfgang Bernhard – Vorstandsmitglied und Leiter des Geschäftsfeldes Daimler Trucks & Buses. Es war und ist ihm ein stetes und sehr persönliches Anliegen, den syrischen Flüchtlingen in der Südtürkei zu helfen. Dabei wurde er von der Belegschaft unterstützt: Sämtliche Geldspenden der Belegschaft, die seit 2013 für insgesamt vier Konvois und zwei Luftfrachtflüge gesammelt wurden, wurden von der Geschäftsleitung verdoppelt. Zusammengekommen sind so eine halbe Million Euro und rund 1000 Tonnen Hilfsgüter.

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Ende der Notsituation in der Südtürkei nicht absehbar

Die Zahl der Menschen in den türkischen Flüchtlingslagern ist auf 2,5 Millionen gestiegen und ein Ende der Not­situation ist nicht absehbar. Die Flüchtlinge harren dort unter teils menschenunwürdigen Bedingungen aus. Beim vierten Syrien-Hilfskonvoi unter dem Motto „Convoy of Hope“ bringen die Mercedes-Benz Trucks von LOG gesammelte Hilfsgüter für etwa 10 000 syrische Flüchtlinge ins türkische Lager nach Gaziantep und Kilis. Ihre Ladung besteht aus Decken, winterfester Kleidung, Windeln und Matratzen.

Ein Actros-Truck liefert besonders wertvolle Hilfe ins türkisch-syrische Grenzgebiet: Zwei Ambulanzfahrzeuge, darunter einen Mercedes-Benz Sprinter 318 CDI Krankenwagen. Damit wurden seit Beginn der Hilfskonvois insgesamt neun Rettungswagen gespendet.

Sie werden nicht nur in den türkischen Flüchtlingslagern eingesetzt, sondern sind auch grenzüber­schreitend unterwegs, um kranke, geschwächte und durch den Krieg verletzte Menschen in Krankenhäuser zu fahren. Pro Tag ist jeder Rettungswagen durchschnittlich zweimal im Einsatz. Das heißt, pro Jahr rettet diese Ambulanz-Flotte mehrere tausend Menschen.

Konvoiplanungen, Verabschiedung, Abfahrt

Ein Hilfskonvoi beginnt schon lange vor der Abfahrt. Je generalstabsmäßiger die Planung, umso weniger Probleme auf der Strecke. Unsere Reisestelle reservierte für alle Teilnehmer entlang der Route die Unterkünfte, Grafikunternehmen brandeten das Leitfahrzeug, die Ladungspapiere wurden zollgerecht vorbereitet um die Wartezeiten an den Grenzen zu minimieren. Und es gab Gespräche mit der Unternehmenssicherheit, die uns bezüglich der Lage entlang der Route beriet.

Truck-Jahrespressekonferenz im Zentralversandlager am Neckarhafen: Wolfgang Bernhardt erläutert der versammelten Wirtschafts-, Lkw-Fach- und Tagespresse die wichtigsten Kenndaten zum globalen Daimler-Truck-Geschäft. Am Ende der Fragen und Antworten geht er zum anderen Thema über: Der heutigen Abfahrt des vierten Daimler-Hilfskonvois zu syrischen Lagern in der Südtürkei.

„Wir sind stolz auf das Engagement und die Spendenbereitschaft unserer Mitarbeiter. Wenn es darauf ankommt, reden wir nicht lange – wir packen an und helfen. Nun bereits mit dem Start des vierten Daimler-Syrien-Hilfskonvois.“

Konvoi rollt von Stuttgart durch den Balkan

Ein kräftiges Hupkonzert zum Abschied und dann ging’s auch schon los in Richtung Südosten: Am Stuttgarter Nordkai starteten die neun Actros-Lastzüge, zwei Vito-Begleitfahrzeuge und als Führungsfahrzeug, ein Unimog U 5000 als Doppelkabine. Rund 250 Tonnen Hilfsgüter im Wert von etwa 1,25 Millionen Euro waren jetzt onroad ins knapp 4000 Kilometer entfernte Flüchtlings­lager im türkisch-syrischen Grenzgebiet.

So ein Konvoi besteht aus mehreren unterschiedlichen Gruppen, die sich auf der Tour teammäßig zusammenschweißen müssen. Als Spezialist für Hilfsgüter gilt der Partner „Luftfahrt ohne Grenzen(LOG)“. Als Fahrer waren die türkischen Helfer der Daimler-Vertragsspedition Ekol und ihr genialer Manager Tahir Kapicioğlu dabei. Das Unimog-Museum hat als Fahrer und Techniker die „Unimog-Blogger“ Johannes Behringer und Hans Schneider mitgeschickt. Von der Zentrale in Untertürkheim waren Alpay Keskin von der Spendenabteilung und ich (Presseabteilung Nutzfahrzeuge) an Bord.

Der Konvoi fuhr bis Dienstag über Bayern und Österreich bis nach Süd-Ungarn. Überhaupt lief  alles wie erhofft. Erkenntnis des Tages: Die Mautstationen entlang der ungarischen Autópálya sind top. Und ist die Maut erstmal gezahlt, kommt man in Osteuropa erstaunlich gut und schnell voran.

Schon nach kurzer Zeit – und das jetzt schon zum vierten Mal – stellt sich das Roadmoviegefühl ein. Endloses weißes Band der Autobahn, vorbeifliegende Ortsschilder Wien – Budapest – wir fahren links gen Osten nach Rumänien – geradeaus fährt der SOS-Kinderdorf-Truck nach Serbien.

Ein Actros für SOS-Kinderdörfer in Serbien und Mazedonien

Dann ist der Moment gekommen: Einer der Sattelzüge trennt sich unterwegs vom Konvoi und steuert SOS-Kinderdörfer auf dem Balkan an. Wir sind in Stuttgart zwar mit neun Actros gestartet, nun zählen nur noch acht Sattelzüge und eben unser Unimog zum Konvoi.

Keine Sorge, das ist alles Teil unseres Plans: Unter der Regie von Alpay Keskin sind ein Actros und ein Vito in Ungarn abgebogen. Sie fahren mit den geladenen Hilfsgütern jetzt die Flüchtlingslager von SOS-Kinderdörfer in Serbien und Mazedonien an und stoßen an der bulgarisch-türkischen Grenze dann wieder zu uns. Zu den Partnern des vierten Syrien-Hilfskonvois zählen neben Daimler Trucks und LOG erstmals auch die SOS-Kinderdörfer weltweit.

Diese Spenden bestehen aus Spielwaren für Flüchtlingskinder, sowie lebensnotwendige Decken für die kalte Jahreszeit. Mit Spielen, Malen und einer geschützten Umgebung kann laut Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit, für traumatisierte Flüchtlingskinder eine kurze Zeit der Unbeschwertheit geschaffen werden. So können sich die Kinder seelisch wieder ein bisschen aufrichten.

Eine kurze Zeit der Unbeschwertheit für traumatisierte Flüchtlingskinder.

Hier leisten Alpay und Fotograf Deniz wirklich unbeschreibliche Arbeit. Aufgrund von Grenzkontrollen der Lkw-Ladung, Hilfsgüter verteilen und der Transitfahrt von Mazedonien über Griechenland zum verabredeten Treffpunkt Kapikule, der türkischen Grenze, schlafen sie zwei Tage lang nur stundenweise.

Rumänische Grenze: Vorfahrt für die Menschlichkeit

Drei Tage und schon 1800 km ist unser Syrien-Hilfskonvoi durch die Karparten unterwegs: 1800 km gen Osten im Unimog – alleine das ist schon ein Erlebnis für sich. Es schaukelt, aber es läuft: Gemeinsam mit meinem Mitfahrer Johannes Behringer und unseren acht mit Hilfsgütern beladenen Actros haben wir abends, nach stundenlangem Schlangestehen, endlich die rumänisch-bulgarische Grenze passiert.

Bei der Einfahrt nach Rumänien hatten wir da am Vorabend schon etwas mehr Glück: Die freundlichen Grenzbeamten ließen unseren Hilfskonvoi auf der Pkw-Spur durch, an den wartenden Trucks vorbei. Vorfahrt für die Menschlichkeit: Eine tolle Sache!

Breite Autobahnen, enge Fernstraßen: Die Infrastruktur hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert, viele Autobahnen sind gebaut worden. Nur dort, wo es – wie in den Karpaten – (noch) keine Schnellstraßen gibt, wird es spannend: Teilweise quält sich der Fernverkehr auf schmalen Fernstraßen durch enge Täler. Doch Trucks und Trucker meistern diese Herausforderung souverän und mit Bravour.

Herkules und die Könige der Straße

Ohnehin gibt es für unsere mehrheitlich aus der Türkei stammenden Fahrer keinen schöneren Platz als den hinter dem Steuer. Sie sagen voller Stolz:

Der Actros ist unser König – und der Unimog unser Herkules.

Das höre ich gern! Und der griechische Sagenheld soll uns ein gutes Omen auf unserer Reise sein: Noch haben wir mehr als 2.000 km vor uns.

Grenzübergang Bulgarien top, Türkei nicht

Zur Mittagszeit, wie mittlerweile an den vielen Grenzen: Lkw-Abfertigungsstaus von bis zu 10 km. Bulgarien erlaubt die Vorbeifahrt an den wartenden Trucks. Für den bulgarischen Grenzübergang „Kapitan Andreevo“ brauchen wir maximal eine Stunde, bis die Frachtpapiere der acht Hilfs-Trucks gecheckt sind.

Einfahrt in den türkischen Grenzübergang „Kappikule“. Sieht zuerst freundlich aus. Lkw-Waage für 18 Lira in Cash (woher nehmen?). Lkw-Einfahrt: Check. Die Dame stempelt den Pass, das war‘s. Zollhof, die Lkw stehen seit 13.00 Uhr. Der Zöllner glaubt nicht, dass es legal sei, dass ein deutscher CharterWay-Truck mit einem türkischen Auflieger in der Türkei fahren dürfe. Gottseidank haben wir den smarten Advokat des International Medical Corps, Cihangir Karabiyik dabei. Gegen 20.00 h, nach 7 Stunden dürfen die Trucks den Zollhof verlassen.

Mit dem Unimog zurück ins Niemandsland

Wir mit dem leeren Unimog fahren voraus, zum endgültigen Checkpoint. Der Zöllner runzelt die Stirn: Ein kleiner Lkw ohne Ladung? So etwas gibt es nicht. Er schickt uns zurück ins Neutrale. Wenn schon keine Ladung, muss diese zollamtlich bestätigt werden. Zurück zum Gate. Jetzt ist dieses Zollhäuschen noch unfreundlicher.

Wir müssen eine Strafe von annähernd 1 000 Euro bezahlen, weil wir mit so einem undefinierbarem Gefährt wie einem Unimog die türkische Grenze überqueren wollen. Zur Strafe gibt es erstmal X-Ray, eine Röntgentotaldurchstrahlung. Pech: Erstmal große Pause und viele große Trucks vor uns. Nach Stunden kommen wir dran.

Alles ist auffällig: Das Medikamentenpaket vom Werksarzt Dr. Burckhard. Gottseidank hat er einen Erklärbrief beigelegt, er scheint das zu kennen. Großes Kopfschütteln auch über die „verdächtige“ Kiste mit Funkgeräten und Antennen. Auch da ein Technikfreigabebrief.

Der Fahrzeugüberlassungsvertrag befreit uns vom Verdacht einen gestohlenen Unimog in den Nahen Osten zu verticken. Die professionellen Feuerwehrscheinwerfer (braucht man im Servicefahrzeug für nächtliche Reparaturen) sehen auch verdächtig aus, wenn als Ziel die syrische Grenze auf die Plane gemalt ist.

Inzwischen sind alle Trucks und Begleitfahrzeuge bereits nach Istanbul unterwegs. Johannes Behringer und ich fühlen uns so müde, erschöpft und aussichtslos. An jeder Station wird ein neues Hindernis aufgebaut.

Wir sehen das Fahrzeug schon ernsthaft im türkisch-bulgarischen Niemandsland niedergezurrt. Und uns mitten drin, für immer heimatlos. Neue postalische Adresse: Niemandsland, Bulgarien-Türkei. Klingt lustig, war aber total perspektivlos. Es ist 22.00 Uhr, kalt und stürmisch.

Immer noch mit dabei, unser Advokat Chihangir, auch er total übermüdet. Er hat eine geniale typische Juristenidee, die den Zoll-Oberchef überzeugte. Gesagt getan, zurück Richtung Bulgarien, alle Warnblinklampen an gegen den langen Lkw-Stau.

Die Trucker machen unserem Unimog Platz, sie müssen denken, dass ein Dutzend Spenderherzen auf der Pritsche ihren Weg nach Bulgarien suchen. Danke nochmals „international Truckers“, das waren wir.

In Bulgarien wollen wir die Abkürzung zur Pkw-Einfahrt suchen. Trotzdem halten uns drei Bulgaris an, Durchsuchung des Fahrzeuges. Erst die Bilder und Pressetexte lassen sie davon abkommen. Zäune auf, der Unimog fährt– geisterfahrergleich – in die türkische Pkw-Ausfahrt. Weiter Zaun auf: Endlich auf der Pkw-Einfahrtlinie in die Türkei.

Jetzt positive Äußerungen zum türkischen Zoll: Sie müssen von uns gehört haben. Keine Diskussion, sofort Pkw-Einfuhr in den Pass gestempelt, deswegen Erlassung der 1000 Euro-Strafe. Kurz X-Ray. Fotos gezeigt. Sofortige Weiterfahrt. Kurz vor Mitternacht fahren wir glücklich in die Türkei ein mit der Einstufung als Wohnmobil. Um 3.00 Uhr morgens sind wir auf der asiatischen Seite Istanbuls.

Von Istanbul über Aksaray nach Gaziantep

Am Freitag wird unser Unimog in der Ekol-Spedition durchgecheckt und technisch zum Jüngling gemacht. Inzwischen lieben alle den Unimog. Die Ekol-Mechaniker nennen ihn auf türkisch „unser Liebling“.

Am Samstag steht die Etappe Istanbul über Ankara nach Aksaray auf dem Programm, rund 600 km. Wie groß Istanbul ist, sieht man an der stundenlangen Fahrt, in der sich die verdichtete Bebauung überhaupt nicht ändert. Im Marmara Meer Unmengen riesiger Supertanker.

Doch irgendwann stellt sich eine ockerfarbene Steinwüste bis auf Höhe Ankara ein. Da denken wir doch an die tödlichen Terrorattentate in Istanbul und Ankara. Nach Ankara geht es scharf Richtung Süden, vorbei am riesigen Salzsee names Tuz Gölü. Je nach Tageszeit schimmert er von blau bis pink. Nicht heute, da es Starkregen mit Hagel und Schneegraupel gibt. Sogar schwere Trucks erleben Aquaplaning. Man sieht kaum etwas. Mittags ist es nachtdunkel mit Blitzen, auf die es sofort donnert. In der Mercedes-Lkw-Stadt Aksaray ist Etappenende.

Alpay am Klavier

Traditionell gibt der inzwischen aus Serbien/Mazedonien wieder zugestoßene Alpay Keskin in der Hotel-Lobby am Flügel sein beliebtes „Tourneegastspiel“. Ich bin baff, wie er sicher er von Klassik bis zu Pop alles spielt und mit einer Frank-Sinatra-Stimme dazu singt. Bei seiner Interpretation von „Knocking on Heavens Door“ werden wir sehr still und erinnern uns, warum wir unterwegs sind. Um den Menschen in den Flüchtlingslagern zu helfen. Daran müssen wir immer denken, wenn unser Konvoi Richtung Süden eilt. Danke dafür Alpay!

Syrische Grenze naht

Nach erneut wenig Schlaf geht es am Sonntag zur letzten Etappe. Sonnenschein, trotz Gebirges bis zu 24 Grad frühlingswarm. Die ersten blühenden Bäume. Ab und zu Polizeikontrollen, weil wir uns der syrischen Grenze nähern, welche eine Menge halbseidener Menschen und Kriegsgewinnler anzieht.

Wir stechen in das Gebirge Richtung Adana. Wunderschöne Täler und Bergmassive. Wie in der Schweiz oder Afghanistan. Wandern oder Skifahren? Nach Adana kommen wir in eine Hochebene.

Die erste Abzweigung nach Hantay ist angeschrieben, wo die Türkei wie ein Finger in Syrien steckt. Vorbei nach der NATO-Airbase Incirlik, wo US-Bomber stehen und seit neuestem die Tornado-Aufklärungsjets der deutschen Bundeswehr.

Der Konvoi läuft diszipliniert wie eine Perlenkette. Der Krieg, keine 80 Kilometer entfernt. Da braucht ein Jet nur ein paar Minuten dafür. Von der Höhe schaut man auf die flache Ebene Mesopotamiens, ja genau, die aus der Bibel. Da findet heute der gesamte Mess (englisch für Schrott und Mist) statt.

Um 17.00 Uhr erreicht der Hilfskonvoi das Zentrallager der türkischen Katastrophenschutzbehörde in der weiteren Region Gaziantep. Die Hilfsorganisation „Luftfahrt ohne Grenze“ und Daimler beehren die Trucker mit einem typisch türkischen Abendessen, die vom LOG-Präsidenten Frank Franke stilvoll ausgestaltet wird. Alle beteiligten Lkw-Fahrer, Mitarbeiter der Hilfsorganisationen LOG  und Daimler-Helfer sind gesund angekommen. Morgen, am Montag, beginnt die Verteilung der Hilfsgüter.

Verteilung der Hilfsgüter im Grenzgebiet Türkei – Syrien

Am Sonntagabend sind wir nach einem kurzen Ritt durch Osteuropa und durch die Türkei in Gaziantep, unweit des türkisch-griechischen Grenzortes Kilis angekommen. Die Ladung der acht Actros-Sattelzüge wird an die in den Flüchtlingslagern tätigen Hilfsorganisationen ausgehändigt. Dazu gehören das „International Medical Corps“, dem drei Lkw-Ladungen mit Decken, Winterkleidung und die beiden Krankenwagen übergeben wurden.

Die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD, die eng mit dem Roten Halbmond zusammenarbeitet, erhielt die übrigen fünf Lkw-Ladungen. Darunter ebenfalls Decken und Winterkleidung, aber auch Matratzen und Windeln für die Kleinsten unter den syrischen Flüchtlingen.

Besuche standen an: Zuerst das ASAM, Association for Solidarity with Asylum Seekers and Migrants, einem Gemeindezentrum für syrische Flüchtlinge. Hier bekommen syrische Flüchtlinge erste administrative und medizinische Hilfe und Beratung. Das Gebäude ist von außen durch Security-Kräfte abgesichert, im Empfangsraum drängeln sich hauptsächlich Frauen mit ihren Kindern.

Die Menschen wohnen irgendwo in den Städten, schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Die Türkei – mit mehr als 2,5 Millionen offiziellen registrierten Flüchtlingen und einer unberechenbaren Schwarzziffer – kümmert sich intensiv um die Flüchtlinge. Alleine im Raum Gaziantep werden mehr als 400.000 Flüchtlinge vermutet.

Optimistische Schulklassen

Beim Fotografieren achten wir darauf, nicht die Gesichter der Flüchtlinge zu fotografieren, da ihre Verwandten in Syrien sonst auf schwarzen Listen landen, mit allen Konsequenzen. In den Räumlichkeiten des Flüchtlingszentrums gibt es Therapieräume für traumatisierte Menschen, besonders Kinder.

Optimistisch und in die Zukunft gewandt sind die Schulklassen. Wir dürfen den Unterrichten von Erstklässlern besuchen, die uns mit Gesang begrüßen. In einem anderen Klassenzimmer lernen die Teenager aus Syrien Englisch.

Am Nachmittag fahren wir in das AFAD-Lagerhaus von Kilis, der türkischen Katastrophenschutzbehörde. Hier werden Paletten von Medikamenten, Decken und die mitgebrachten Krankenwagen gelagert und bei Bedarf in die umliegenden Flüchtlingslager verbracht.

Höchste Alarmstufe für Hilfsorganisationen

Während der Fahrt sehen wir die fruchtbare Ebene Mesopotamiens. Der nahe Horizont ist bereits Syrien. Im Gegensatz zu den anderen Hilfskonvois in 2013 und 2015 können wir nicht das Grenzgelände von Örüncipar besuchen. Es ist die höchste Alarmstufe für NGO-(Hilfsorganisationen) Mitarbeiter ausgerufen. Der Übergang ist keine 4 km von Kilis entfernt. Aleppo gerade mal 60 km entfernt.

Hinter dem Grenzort drängeln sich vor dem brüchigen Waffenstillstandsabkommen hunderttausend Flüchtlinge aus Aleppo, die über die geschlossene Grenze nach Kilis wollen. Ein Arzt einer Hilfsorganisation berichtet von Luftschlägen einer bestimmten osteuropäischen Macht, die vorgestern – trotz Waffenstillstandes – eine Klinik und den Marktplatzes von Assaz, 5 km von Kilis entfernt bombardiert haben. Es seien jeweils mehr als 500 Menschen in dieser Umgebung getötet worden.

Als wir acht Tage später zu Hause ankommen, meldet die Tagesschau, dass acht ISIS-Raketen in Kilis eingeschlagen haben und dabei eine Mutter und ihr Kind getötet und ihre zwei anderen Kinder schwer verletzt haben. Wir auch erfahren, dass die Türkei genau an dem Tag, an dem wir in Kilis waren, Artillerie über die türkisch-syrische Grenze geschossen hat.

Zurück in Kilis sehen wir die clevere Lösung, die Ambulanzen aus den Ekol-Aufliegern zu ziehen. Ein Canter-Leicht-Lkw übernimmt die Krankenwagen in Augenhöhe und senkt sie dann zum Boden. In nur 30 Minuten sind die Ambulanzen entladen. Morgen ,am Dienstag, gibt es noch die offizielle Übergabe.

Kilis, Zentrum für syrische Flüchtlinge

Wir fahren wir nach Kilis, in das dortige Zentrum für syrische Flüchtlinge. Es gibt provisorische Abteilungen für Zahnmedizin, Allgemeinmedizin, Gynäkologie. Heerscharen an Müttern und Kindern und alten Leuten warten auf Einlass. In diese Einrichtung sind viele der Hilfsgüter, für die die Daimler-Mitarbeiter gespendet haben, gegangen.

Am Nachmittag gehen wir in die Einrichtung „Spendahilfe“. Hier betreibt Mohammed Dahi ein Waisenhaus für mehr als 450 Kinder. Wir sehen wirklich fröhliche Kinder, die uns singend begrüßen. In sportlichen Wettbewerben versuchen die Psychologen aus Syrien die Traumata der minderjährigen Kriegsopfer zu überwinden.

Von hier aus, so die Doktoren, kann man das Bombardement auf syrischer Seite hören und sehen. Mohammed erzählt uns von den – seiner Meinung nach – Kriegsursachen, von Erdgasfeldern im nahen Mittelmeer und Plänen von neuen Erdgas-Pipelines, von Eingriffen einer osteuropäischen Großmacht, die sich nicht in ihr Energiegeschäft spucken lassen möchte.

Wir sehen den Verbleib der gespendeten Hilfsgüter – liebe Belegschaft: Sie sehen selbst an der Berichterstattung wie aktuell Ihre Hilfe angekommen ist. Danke dafür!

Mit dem Unimog über die Balkanroute zurück nach Stuttgart

Die einen fliegen mit dem Flugzeug heim. Johannes Behringer und ich, ab Istanbul noch Hans Schneider, fahren den Unimog über Land zurück nach Deutschland. Trotz 80 km/h Höchstgeschwindigkeit fahren wir abwechselnd am Lenkrad in fünf Tagen von der syrischen Grenze zurück nach Stuttgart. Erschreckend für mich, wie nahe die Grenze zu Syrien doch bei Stuttgart ist.

Wir nutzen – genauso wie die Flüchtlinge – die Balkanroute. Türkei – Bulgarien – Serbien – Kroatien – Slowenien – Österreich – Deutschland. Eine schwere Vorstellung, wie sich hier Flüchtlingsströme – Junge – Alte – Rollstuhlfahrende bei jedem Wetter – Hitze und Staub im Sommer, Nässe und Frost im Winter entlang dieser Route quälen.

An den Grenzen: Viel Licht, viel Schatten

Zu jeder Grenze lässt sich zu jedem Land etwas absolut Schlechtes, aber wie zum Ausgleich an der anderen Seite auch etwas Gutes sagen. Die Türkei, die uns bei der Einfahrt 12 Stunden geplagt und expediert hat, braucht bei der Ausreise nur 5 Minuten. Vorbildlich!

Die Einreise von Bulgarien nach Serbien unterirdisch unfreundlich – Betonköpfe mit Stalinhirn. Selbst die Österreicher – trotz Schengen – wollen unseren Unimog untersuchen, betont unfreundlich durch einen blutjungen Austro-Zöllner. Als wenn wir Aussatz oder Ebola hätten. Oder vielleicht auch nur, weil man uns an der Planenaufschrift als Flüchtlingsversteher erkennt.

Eine Wohltat ist es nach Deutschland zurückzukehren. Wir fahren am A8-Grenzübergangsstau vorbei und reisen über die Landstraße nach Freilassing ein. Wirklich coole und freundliche Bundespolizisten. Wir werden nicht kontrolliert, halten aber 10 m weiter an. Wir sprechen mit dem Pressesprecher der Bundespolizei über seinen Flüchtlingsabschnitt. Er bemerkt zu unserem Unimog als Aushängeschild des Daimler-Syrien-Hilfskonvois, wie stark diese Aktion von Belegschaft und Geschäftsführung der Daimler AG sei.

Willkommen zu Hause!

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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Pressesprecher für Nutzfahrzeuge.

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