Chinas Megastädte aus interkultureller Perspektive

„Mein Ziel ist es, eine Sensibilisierung für kulturelle Divergenzen und Unterschiede zu schaffen“, so begann der Stadtsoziologe Prof. Dr. Dieter Hassenpflug seinen Vortrag, der Anfang März 2016 die Auftaktveranstaltung zur neuen Vortragsreihe „Mensch, Umwelt, Technik“ der Daimler und Benz Stiftung bildete.

Er zeigte die fundamentalen Unterschiede zwischen europäischen und chinesischen Städten und der damit verbundenen Lebensweisen auf.

Im Kundencenter des Werks Bremen begrüßte Werksleiter Andreas Kellermann als Hausherr die rund 240 Gäste und verwies auf die lange Handelstradition zwischen China und der Hansestadt Bremen. Ausschlaggebende Faktoren für eine verantwortungsvolle Zukunft seien der Austausch und die gemeinsame Diskussion über Kontinente hinweg.

Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung, sprach über die Bedeutung der Urbanisierung für die weltweite Mobilität:

„Die Zukunft jeder Mobilität entscheidet sich in der Stadt.“

Bis zum Jahr 2050 würden rund 6,4 Milliarden Menschen in Städten leben.

Zur Motivation für die neue Veranstaltungsreihe in Bremen verwies Minx auf die Satzung der Daimler und Benz Stiftung. Neben der Förderung von Grundlagenforschung bestünde ein wesentlicher Auftrag darin, Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit bekannt zu machen und die wissenschaftlichen Inhalte in einen gesellschaftlichen Diskurs zu bringen.

Die Veranstaltungsreihe soll daher die Bedeutung der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik auch in den Fokus der Hansestadt rücken – in Berlin und Stuttgart sind ähnliche Veranstaltungsformate der Stiftung bereits fest etabliert.

Urbanisierung von Dörfern

„Mit meiner C-Klasse T-Modell bin ich nach Bremen gefahren“, so startete Prof. Dr. Dieter Hassenpflug, Stadtsoziologe, Buchautor und Geschäftsführer von UrbanSolutions in Weimar, seinen Vortrag.

„Wenn ich dieselbe Reise in China machen würde, wäre das Fahrzeug wahrscheinlich eine Limousine mit Fahrer, die etwa sechs bis acht Zentimeter länger als in Deutschland ist.“ Solche kulturellen Unterschiede, wie hier am Beispiel der Mobilität, seien aufgrund der Komplexität beim Städtebau jedoch noch wesentlich ausgeprägter.

In China verschwinden täglich etwa 35 Dörfer, sie werden von den wachsenden Städten regelrecht „überflutet“. So gibt es inzwischen über 100 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern, wovon allein zehn Städte über zehn Millionen Menschen zählen – behaftet mit enormen sozialen und Umweltproblemen.

Der Urbanisierungsgrad in China habe die 50 Prozent Marke längst überschritten, Hassenpflug spricht von Hyperurbanisierung. Aufgrund des kompakten Wachstums gebe es keine Suburbanisierung, sodass ein Neubau großzügiger Villen beispielsweise nicht mehr möglich sei.

„Große Straße und vertikaler Block“

So lautet nach Hassenpflug stattdessen das Motto für den Neubau in chinesischen Städten, wobei grundsätzlich herausragende öffentliche Plätze vorgesehen sind. Dabei stünden jedoch nicht nur rein funktionale Aspekte im Vordergrund, es ginge ebenfalls um das Bild einer großen Weltmacht.

„Eine chinesische Stadt ist eine Stadt urbaner Dörfer. Aus der gesamten Wohnraumgestaltung der Menschen kann man sehr viel Soziales herauslesen.“

Wohngebiete als Mikrokosmos

Im Gegensatz zur offenen Gestaltung der Städte Europas sind die chinesischen geschlossen: Wohnquartiere bleiben abgeriegelt, umzäunt und durch Sicherheitsdienste geschützt.

Diese sogenannten Compounds mit mehreren Tausend Bewohnern bilden oft kleinste Verwaltungseinheiten einer Stadt und organisieren sich selbst. Sie tragen eine identitätsstiftende Kollektivmarke, verfügen über eigene Nachbarschaftshöfe, haben keine Fassade und sind grundsätzlich nach Süden ausgerichtet.

Wohnen und Einzelhandel sind strikt getrennt. Die Versuche, das Ideal der offenen europäischen Stadt mit einer klaren Trennung von privatem und öffentlichem Raum in den 2.000 Jahre alten Kulturraum Chinas einzufügen, erwiesen sich als schwierig. Sie seien laut Hassenpflug oft gescheitert oder zu Kulissen inszenierter Städte geworden.

Hassenpflug zog sein Resümee: „Die Probleme entstanden und entstehen aus einem Mangel an interkultureller Sensibilität. Wir sollten offen sein, voneinander zu lernen.“ Nach dem eindrucksvollen Vortrag entwickelte sich eine rege Diskussion.

So kamen insbesondere Fragen zum Alltag in Chinas Städten und zur politischen Organisation auf: über Entscheidungshierarchien beim Städtebau, zu Miete und Eigentum bei Immobilien, zur Nutzung des Parkraums oder wie es um die Wohnsituation der Millionen von Arbeitsmigranten in Shanghai bestellt ist. „Sie wohnen zum Teil in provisorischen Hütten, im Rohbau der Wohnsiedlungen vor dem Verkauf, in den überwachsenen Dörfern oder in Atombunkern unter der Erde.“

Der Vortrag von Prof. Dr. Dieter Hassenpflug ist auch als Podcast verfügbar.

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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist Diplom-Physikerin und arbeitet als selbstständige Kommunikatorin für die Daimler und Benz Stiftung.

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