INTERVIEW: Blutuntersuchungen als Einstellungsvoraussetzung?

„Daimler verlangt Blutproben von Bewerbern.“ Das ist der Tenor in der heutigen Medienberichterstattung.

Auf der einen Seite steht die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen Mitarbeitern auf der anderen die Privatsphäre des Bewerbers. Die Medien sind voll von Gerüchten und Vermutungen und die Verunsicherung ist groß. Um diese Diskussion mit Fakten zu untermauern, haben wir mit dem Leiter des Bereichs Gesundheitsmanagement und Arbeitsschutz und Leitendem Konzernarzt von Daimler, Dr. med. Helmut Schmidt, ein Interview zu den Einstelluntersuchungen im Konzern geführt.

Interview_helmutschmidtWeshalb werden bei Daimler Einstelluntersuchungen durchgeführt?

Bei den Einstelluntersuchungen wird ärztlich untersucht, ob der Bewerber bei Übernahme der Stelle individuellen körperlichen Risiken ausgesetzt wäre. Das ist ein durchaus üblicher Prozess – nicht nur bei Daimler, auch bei anderen Unternehmen.

Darüber hinaus gibt es auch gesetzliche Vorgaben, aufgrund dieser wir zum Beispiel bei Jugendlichen oder bei Mitarbeitern im Gastronomiebereich Einstelluntersuchungen durchführen müssen. Die Einstelluntersuchungen werden grundsätzlich zum Schutz des neuen Arbeitnehmers vorgenommen.

Wenn ein Arbeitnehmer auf seiner künftigen Stelle zum Beispiel täglich schwere Lasten heben muss, kann diese Stelle nicht mit einem Bewerber besetzt werden, der schon einen Bandscheibenvorfall hatte. Bewerber mit einer Allergie gegen Lösungsmittel können wir zu ihrem eigenen Schutz nicht in der Lackiererei einsetzen. Wer bis dahin nie in einem Lackierbetrieb gearbeitet hat, dem ist diese Allergie eventuell noch unbekannt. Hier haben wir als Arbeitgeber gegenüber unseren Beschäftigten eine Fürsorgepflicht. Wir dürfen unsere Beschäftigten nicht für Arbeiten einsetzen, für die sie körperlich nicht geeignet sind.

Zu welchem Zeitpunkt werden die Einstelluntersuchungen vorgenommen?

Einstelluntersuchungen finden nicht im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens statt, in dem die fachliche Eignung des Bewerbers geprüft wird, zum Beispiel in Assessment Centern. Sie können sowohl vor einer mündlichen oder schriftlichen Zusage als auch danach stattfinden. Vor allem bei Stellen in der Produktion und produktionsnahen Bereichen ist die Untersuchung vor der tatsächlichen Einstellung wichtig, da wir wie gesagt niemanden auf Stellen einsetzen wollen, deren Herausforderungen sie nicht gewachsen sind.

Werden Blutuntersuchungen gemacht? Was wird dabei untersucht?

Im Rahmen der Einstelluntersuchungen, die nicht während des Bewerbungsverfahrens stattfinden, werden Blutuntersuchungen vorgenommen. Diese Blutuntersuchungen sind freiwillig – außer es liegen gesetzliche Vorschriften vor. Gibt ein Bewerber die schriftliche Einwilligungserklärung nicht ab, ist dies jedoch kein Grund, ihn nicht einzustellen.

Die meisten Bewerber stehen der Untersuchung positiv gegenüber und können dadurch auch für sich selbst wichtige und bis dahin vielleicht unbekannte Hinweise erhalten. Diese Hinweise kann der Bewerber präventiv nutzen und sich einer Untersuchung bei seinem Hausarzt unterziehen. Bei den Blutuntersuchungen wird grundsätzlich nicht untersucht, ob zum Beispiel genetische Anlagen für Erkrankungen, eine HIV-Infektion oder eine Schwangerschaft vorliegen.

Was passiert mit den Untersuchungsergebnissen?

Der Werksärztliche Dienst informiert den Personalbereich, der für den Einstellprozess an sich verantwortlich ist, darüber, ob der Bewerber für die Stelle, auf die er sich beworben hat, geeignet ist. Die konkreten Untersuchungsergebnisse verbleiben jedoch beim Werksärztlichen Dienst, der selbstverständlich der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt.

Seit wann werden Einstelluntersuchungen vorgenommen?

Wir führen seit mehr als 30 Jahren Einstelluntersuchungen durch. Dazu haben wir mit dem Gesamtbetriebsrat eine Gesamtbetriebsvereinbarung abgeschlossen.

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