NAIAS: Wenn Detroit zu E-troit wird

Menschen aus Detroit nennen ihre Stadt Motown, The D, Hockeytown oder Motorcity: Ich steige Finger schnippend mit klassischem Soul auf dem Player aus dem Flugzeug (zur Einstimmung). Schluss mit Musik.

Sicherheitskontrolle: „Legen Sie Ihre Finger hier drauf, Sir, schauen Sie in die Kamera, Sir, zeigen Sie Ihren Pass, Sir, wie lange bleiben Sie, Sir, was ist Ihre Adresse, Sir, ist es Ihr erster Besuch in den USA, Sir?“ Amerika hat jetzt meine Fingerabdrücke.

Kontraste der (Fahr)-Kultur

Na gut. Und ich habe zur Fahrt nach Downtown Detroit zur NAIAS-Auto Show dafür Fahrer Jeff und seinen riesigen Lincoln „Town Car“. Die Anzeige im Dachhimmel blinkt „Change Oil now“. Der Lincoln fährt wie ein fliegender, schaukelnder Teppich. Bis zum ersten Schlagloch. Die Starrachse poltert und die Karosserie zittert, als wolle sie sich zerreißen. Eine völlig andere (Fahr)-Kultur.

SUV & Supersize me

Die NAIAS (North American International Auto Show) ist für uns Auto-Menschen die erste wichtige Branchenmesse des Jahres. Auffällig: Für die meisten Hersteller (außer Mercedes-Benz und smart) stehen hier SUV und Pickup-Trucks im Mittelpunkt. Das ist doch irgendwie paradox: Da greifen die US-Behörden auf der einen Seite bei einem deutschen Autohersteller zum Schutz der Umwelt hart durch. Ein schneller Rundgang über die Messe zeigt jedoch vor allem eins: „Supersize me!“

Viele Autos, für die man zum Einsteigen auch eine kleine Leiter hilfreich fände. Der Sprit ist derzeit billig, die amerikanischen Kunden kaufen eben ihren American Dream. Und der hatte im Zweifel schon immer einen V8-Motor und gerne auch zwei Hektar Ladefläche.

Die neue E-Klasse

Da ist die neue Mercedes-Benz-E-Klasse als smarte Businesslimousine ein spannender Kontrast. Die fünfte Generation (W 213) besitzt 65 Millimeter mehr Radstand die Fahrzeuglänge beträgt fast fünf Meter. Mehr Beinfreiheit, mehr Kofferraum. Vorne trägt die E-Klasse entweder den Stern auf der Haube (Variante Basis und Exclusive) oder im Kühlergrill (Variante Avantgarde und AMG Line). Mich beeindruckt besonders der hochqualitative Innenraum, den mir Michael Kelz, Entwicklungsleiter der E-Klasse, erklärt.

Das digitale Cockpit

„Das ist schon eine Technik-Revolution“, sagt der stolze Vater über „sein Baby“. Ein digitales Cockpit mit zwei 12,3 Zoll Displays, die in hoher Auflösung Tacho, Drehzahlmesser, sonstige Fahrdaten und Infotainment zeigen. „Bei den Designs kann der Fahrer aus drei Anzeigeoptionen (Classic, Sport und Progressive) wählen. Über den Drehdrücksteller auf der Mittelkonsole, der per Touchscreen sogar Handschriften erkennt, und natürlich die Touchpads am Lenkrad bedient der Fahrer das Infotainment“, sagt Michael Kelz und taucht per Knopfdruck die Tachoanzeige in sportliches Gelb.

Drive Pilot

Die neue E-Klasse schließt mit ihren Assistenzsystemen zur teureren S-Klasse auf: Der „Drive Pilot“ hält nicht nur den Abstand zu vorausfahrenden Autos, sondern kann auch mit konstantem Abstand einem vorausfahrenden Fahrzeug bis zu einer Geschwindigkeit von 210 km/h folgen. Es gibt außerdem eine Wiederanfahrfunktion, die bis zu 30 Sekunden nach einem Stopp durch den Abstands-Piloten Distronic die E-Klasse wieder starten lässt.

Ein aktiver Spurwechselassistent hilft beim Fahrbahnwechsel auf mehrspurigen Straßen, indem der Fahrer mit leichten Lenkeingriffen unterstützt wird. Auch erhältlich: Ein aktiver Bremsassistent mit Kreuzungsfunktion und eine Lenkhilfe für Ausweichmanöver. Und von dieser Fernsteuerung hätte ich als Kind geträumt:

Per Smartphone-App kann ich die E-Klasse in Parklücken hinein und wieder heraus rangieren, ohne dass ich am Steuer sitze

sagt Michael Kelz und grinst wie ein Kind mit neuem Spielzeug. Das, dank vermehrtem Einsatz von Aluminium, sogar 70 Kilo leichter als der Vorgänger ist.

Testlizenz für autonomes Fahren

Übrigens: In Las Vegas darf die neue E-Klasse schon größere Strecken „alleine“ fahren: Bereits  zur Messe CES anfang Januar erhielt die neue E-Klasse als erstes Serienauto weltweit die Testlizenz für autonomes Fahren im US-Bundesstaat Nevada. Der Betrieb mit einem Serienfahrzeug ist auf allen Interstates und State Highways in Nevada erlaubt, nur beim Abbiegen sowie beim Auf- und Abfahren müssen die Fahrer selbst steuern.

Testlizenz für autonomes Fahren der E-Klasse auf den Straßen Nevadas

Motorisierung

Die neue E-Klasse startet mit zwei Vierzylinder-Motoren in den Markt: Es gibt eine Benzin-Variante E 200 mit 184 PS und den neu entwickelten Diesel-Motor im E 220 d mit 195 PS. Sechszylinder-Diesel  und Benziner in verschiedenen Leistungsstufen werden folgen. „King of the road“ ist der E 400 4Matic, mit 333 PS und bis zu 480 Nm Drehmoment. Ein Plug-in-Hybrid (E 350 e) mit einer Systemleistung von 279 PS kommt ebenfalls.

Das Generationenauto

Die E-Klasse verbindet Generationen und Kontinente: Neben Michael Kelz als erfahrenem Daimler-Entwicklungsleiter lerne ich noch vier junge Ingenieure kennen, die auch an der E-Klasse mitgearbeitet haben: Peng Zhao aus China, Charnjiv Bangar, der für Mercedes im Silicon Valley in Kalifornien arbeitet, Karin Ludwig aus dem Entwicklungsbereich in Sindelfingen und Priyanka Dangi, die im Digital Prototyping in Bangalore, Indien arbeitet. Sie stehen für die weltweit kooperierenden Teams, die ihren Beitrag an der Entwicklung des neuen Autos geleistet haben.

Charnjiv Bangar, der für Mercedes im Silicon Valley in Kalifornien arbeitet, Karin Ludwig aus dem Entwicklungsbereich in Sindelfingen, Vorstand Professor Dr. Thomas Weber, Priyanka Dangi, die im Digital Prototyping in Bangalore, Indien arbeitet und Peng Zhao aus China (von links nach rechts)

Peng Zhao entwickelte in seinem Team spezielle Teile der Innenausstattung für den chinesischen Markt und unterstützt die Produktion, die IT-Spezialisten Charnjiv Bangar und Priyanka Dangi bringen in ihren Teams entwickelte Software und Applikationen für das Betriebssystem und die Telematik der E-Klasse ein. Karin Ludwig war mit ihren Kollegen über digitale Prozesse für die Entwicklung der neuen Sitze der E-Klasse verantwortlich. Als Team dürfen sie zwei neue E-Klassen bei der Präsentation auf die Bühne der Cobo Hall in Detroit fahren. Super Sache!

Von „E“ zu „Edition 130“

Das ist aber noch nicht alles in E-troit: Die ersten Fahrzeuge von Carl Benz und Gottlieb Daimler waren offen. Zum 130. Jubiläum des Automobils legt Mercedes daher nun ein Cabrio in einer speziellen Edition auf. Das Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio „Edition 130“ (Kraftstoffverbrauch kombiniert: 12,0 – 10,4 l/100 km, CO2-Emission kombiniert: 272 – 244 g/km). Das auf eben 130 Exemplare limitierte Sondermodell kommt in der Sonderfarbe „Alubeam silber“ und mit bordeauxrotem Stoffverdeck sowie mattschwarzen Felgen. Angetrieben wird das Cabriolet vom 5,5-Liter-V8-Biturbo mit 430 kW/585 PS Leistung.

Dieter Zetsche mit der Sonderedition Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio "Edition 130"

Den Sprint von null auf 100 km/h absolviert der Viersitzer in 3,9 Sekunden. Da muss man offen fahrend sein Käppi wohl gut festhalten … außerdem sind erstmals ebenso die modellgepflegten Modelle des SL, sowie SLK-Roadster – der jetzt jetzt SLC heißt – zu sehen. Frischer, moderner, mehr dem Mercedes AMG GT im Design folgend, wobei sich gerade der neue SLC 43 AMG von seinen größeren Brüdern nicht so leicht abschütteln lassen dürfte.

Fans in Uniform

Zeit für einen letzten Standrundgang: ich sehe Männer in Uniform. Soldaten der US-Army, genauer, des Panzer Corps Detroit, entern die Ausstellung in friedlicher, in „Fan-Absicht“. Die meisten von ihnen waren sogar schon einmal in Deutschland stationiert, in Bamberg, Frankfurt und Heidelberg. Als ich sie nach einem Foto frage und vor welches Mercedes-Model sie sich stellen wollen, fällt die Wahl schnell auf die S-Klasse Maybach. „Wo können wir den Kaufvertrag unterschreiben? Können wir einen „Tank“ in Zahlung geben?“

Die Detroiter haben Humor, so viel steht fest. Sie haben meine Fingerabdrücke. Und jetzt auch mein Herz…

Soldaten der US-Army mit der S-Klasse Maybach im Hintergrund

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