„S 124“ oder eine unerwartete Reise

Dieser Beitrag ist der Baureihe gewidmet, von der schon gut und gern mal behauptet wird, dass deren Modelle die letzten richtigen Mercedes sind. Doch wohl eher kennt jede Epoche (und Fahrer-Generation) ihren „letzten wahren“ Mercedes.

Es geht um mein Urlaubsauto, ein Modell, das alle Tugenden vereint, die man mit einem Mercedes verbindet: Sicherheit, Komfort, Zuverlässigkeit, Eleganz und sicherlich 124 weitere Kaufgründe.

Ein Modell ,das facettenreiche Nutzmöglichkeiten bietet. Man kann den 124er als Lasten-Vehikel quälen, bei Rallyetouren die Ehre erweisen, als Ersatzteilträger opfern, als Liebhaberstück oder Sammlerobjekt hegen und pflegen. Mein Nutzungsspektrum liegt irgendwo dazwischen… Hauptsache gut motorisiert und ausgestattet für kleines Budget!

Mercedes-Benz T-Modell der Baureihe 124

Die Suche

Frühjahr 2014, mit der Entscheidung, dass es ein 124er T-Modell wird, startet die erste Etappe. Es gilt, den Rahmen für Budget, Laufleistung und Ausstattung festzulegen. Weiter geht es mit Suchfilter über die bekannten Onlineplattformen, Kontakt aufnehmen, Schotterplätze besuchen, Enttäuschungen verarbeiten, zweifeln, weiter suchen, Glück haben, Objekte der Begierde anschauen, verhandeln und schließlich zuschlagen.

Sie heißt Bertha

Am Ende der ersten Etappe steht mein gut ausgestatteter E 280 T vor der Tür. Nicht lang überlegt, „sie“ heißt seither Bertha und das Abenteuer kann beginnen. Juli 2014, die zweite Etappe: der erste Ausflug. Mit Stolz würde ich behaupten, dass kein neuer Kleinwagen selbst für den 3-fachen Anschaffungspreis mehr bieten kann als dieser alte Benz mit seinem angenehm säuselnden Sechszylinder unter der Haube. Nach wie vor angetan vom spürbaren Komfort selbst nach 20 Jahren und über 250000 km ging der erste Ausflug längerer Strecke in die Berge.

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Der Schwimmsattel „schwimmt“ nicht mehr

Doch am Ende einer Talabfahrt nach vielen Kehren sorgte der immer länger werdende Bremspedalweg für das erste mulmige Gefühl. Bremsflüssigkeit? Sollte vielleicht gewechselt werden. Hinzu kamen „Ruckler“ des Reihensechsers. Das sollte ich mir zuhause vielleicht genauer anschauen, sonst wird es nichts mit größeren Touren. Wohl zurück stand der erste Werkstattaufenthalt an.

Die Bremsflüssigkeit wurde gewechselt. Nüchtern betrachtet können Zeit und Laufleistung nicht spurlos an einem 124 vorübergehen. Für den ersten Handlungsbedarf sorgten ein fehlender Entlüftungsnippel, das allgemeine Korrosionsbild an der vorderen Bremsanlage und nebenbei auch die Tatsache, dass der „Schwimmsattel“ nicht mehr schwimmt.

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Entdeckungsreise Technik 124er

August 2014, die dritte Etappe: „Entdeckungsreise Technik 124er“. Die erste Reparatur steht an und mit überholten Bremssätteln, neuen Bremsscheiben, Klötzen, Schläuchen und Schrauben geht es dann in der kleinen Garage ans Werk. Alles Alte fliegt raus und die glänzenden neuen Teile stimmen gleich wieder zufrieden. Schade, dass man diese später nicht sieht.

Angespornt vom fast reibungslosen Gelingen der ersten Operation, ist es Zeit sich dem nun immer häufiger und stärker werdenden Ruckeln des Motors zu widmen. Nach Prüfung aller möglichen Elemente in der Wirkkette sollte das Offenlegen der Ummantelung des reparierten Motorkabelbaums Klarheit bringen.

Kabelbaum alt

Wenn man nicht alles selber macht

Etappe 4: Es offenbart sich Schreckliches. Vom Vorbesitzer als fachmännisch repariert angepriesen, entpuppten sich unter der Ummantelung zusammengeschusterte und blankliegende Kabelstränge. Wofür der Sechser noch erstaunlich gut lief. Nach kurzem Schlucken und Zweifeln stand jedoch fest: Das kann ich besser und obendrein soll es mit Bertha in den Urlaub gehen, dafür habe ich sie gekauft.

Im Wohnzimmer geht es dann mit Leitungen, Kontaktpins, Gewebeband, Meterstab, Lötkolben, Bleistift, Papier und Excel an die Arbeit. Unzählige Stunden später liegt dann ausgebreitet der einbaubereite und hoffentlich dem Originalen in nichts nachstehende Kabelbaum im Wohnzimmer. Der Einbau, Formsache und der Sechszylinder schnurrte wieder herzerwärmend. Zugegeben nicht beim ersten Startversuch…

Kabelbaum

Von Wassermangel und kühlen Kopf behalten

Die fünfte Etappe: die Bewährung. Mittlerweile sind einige Testausflüge problemlos erfolgt, womit dem Nachweis der Zuverlässigkeit Genüge getan sein sollte, wäre da nicht dieser Kühlwasserverlust. Etwas später reichte eine Frischwasserfüllung nur noch für wenige Kilometer bevor die Kontrollleuchte freundlich auf zu geringen Kühlwasserstand hinweist und frostgeeignet ist das auch nicht.

Kühlen Kopf behalten! Kurzum, es ist wieder ein Boxenstopp nötig und meine kleine Garage wird so allmählich zur Werkstatt. Alter Kühler raus, neuer Kühler rein und nach etwas mehr als 10 Sekunden geht’s schon wieder auf die Straße.

Paula, Polarkreis und Probleme mit der Bremse

März 2015, der Winter ist passé, mein Sommercoupé (Paula) steht wieder zur Verfügung und das Reiseziel für den Spätsommer steht fest: mit Bertha zum Polarkreis. Die Strecke soll quer durch die Nation, über Dänemark nach Schweden, nach Norden bis zum Polarkreis und wieder zurückführen. Das sind knapp 5200 km. Für solche Strecken ist der 124er gemacht.

Die Euphorie findet aber jäh ein Ende, als vermehrt ölige Tropfen unter der Hinterachse auffällig werden. Kräftige Tritte auf die Bremse und ein sinkender Bremsflüssigkeitsstand sind genug Indizien für die mögliche Ursache. Und diese liegt auch noch uneinsichtig über der Hinterachse. Mit hängendem Kopf geht’s erstmal wieder in die Garage.

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Wenn man schon mal die Hinterachse draußen hat…

Frühling 2015, sechste Etappe: Zweifel machen sich breit, aber Aufgeben nach aller Mühe, Zeit und der bisher erledigten Arbeit? Niemals! Nach allem Abwägen und anderen Kleinigkeiten die aufgefallen sind, führt kein Weg daran vorbei, die Hinterachse auszubauen. Es sind ja noch gut fünf Monate. Allmählich gerät auch die Garagenkapazität an ihre Grenzen.

Wenn man schon mal die Hinterachse draußen hat dann … nun im Zeitraffer: undichtes Differential überholen, alle Lager erneuern, Hinterachsaufnahmen instand setzen, Korrosion am Unterboden beseitigen, Bremsensättel überholen, Bremsscheiben, -klötze und –backen erneuern, allerlei säubern und prüfen und alles in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammen bauen. Und am Ende? Was ist doch gleich das eigentliche Problem? Ach ja die Bremsleitung mit einem kleinen Loch an einer unzugänglichen Stelle. Die wird selbstverständlich erneuert und die zweite gleich mit (ASR!).

Die Bertha fährt souveräner als je zuvor

Juni 2015, nach wochenlangem Garagenaufenthalt ist alles bereit für eine Testfahrt. Guter Dinge über die erledigte Arbeit geht es auch gleich zu viert zum Bodensee. Die Bertha fährt souveräner als je zuvor und die Testfahrt verläuft ohne Zwischenfälle, womit sich die Urlaubsplanung gleich wieder konkretisiert. Die beigen Ledersitze erhalten eine kleine Auffrischungskur und wenn alle Sitze schon mal draußen sind, kann man sich auch mit den üblichen Utensilien um den Innenraum kümmern.

Wolken ziehen auf und trüben die Stimmung

August 2015, die siebte Etappe: eine unerwartete Wendung. Der Urlaub rückt näher und die Sonne scheint. Auf dem Rückweg während eines größeren Ausflugs ziehen Wolken auf und es trübt ein lauter werdendes Klackern aus dem Motorraum die Stimmung ungemein. Schnell als drehzahlabhängiges Geräusch identifiziert, bleibt nur der Halt auf einem Supermarktparkplatz.

Der Verdacht wiegt schwer, zum Klackern kamen Aussetzer hinzu. Motor aus! Die bevorstehenden 350 km nach Stuttgart wird Bertha wohl nicht schaffen. Jetzt werden die Dienste des Automobilclubs nötig und nach einigen Stunden warten steht Bertha schließlich auf dem Abschleppwagen.

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Alles auf Anfang

Anfang September 2015, achte Etappe: alles auf Anfang. Die Aussage der Werkstatt zu meiner Bertha lautet: „hat vermutlich einen Lagerschaden, das lohnt sich nicht mehr“. Unbeeindruckt oder naiv zurück in meiner Garage will ich der Sache auf den Grund gehen. Neben dem Bedürfnis alle Lager freizulegen bzw. der Hoffnung auf ein Spenderorgan gibt es genügend Kleinigkeiten, die einen Motorausbau rechtfertigen.

Zu guter Letzt steht das Aggregat neben dem Fahrzeug. Platzmangel und Zeitdruck sind nur eine weitere Herausforderung und nach Rationalität ist längst nicht mehr zu fragen. Bis Mitte September ist die Ursache der Herzrhythmusstörungen des Sechsers leider immer noch schleierhaft. Vielleicht wäre es an der Zeit für einen jüngeren Zeitgenossen, mit geringerer Laufleistung und einer günstigen Kfz-Steuerklasse.

Reichlich Grübelei, die Suche nach einem Ersatzteilträger und eine ordentliche Portion Glück führten schließlich zu einer „Neu“-Anschaffung. Ich muss diesen gut ausgestatteten Mercedes-Benz Kombi aus zweiter Hand mit lückenloser Historie von diesem Schotterplatz retten.

 

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Von Bertha zu Erna

Ende September 2015, neunte Etappe: Urlaub gerettet. Mein neuer alter E 280 T steht vor der Tür. Der Bertha in nichts nachstehend, zumindest von den guten Seiten gesehen, wird der neue alte fortan mit „Erna“ bezeichnet. Gepackt von Euphorie und Urlaubsfreude geht es an einen umfangreichen check up und die Erna bekam neue Flüssigkeiten, Filter, Kerzen, Fensterheber, Luftmassenmesser und Temperaturfühler.

Natürlich etwas vorsichtig aus bisheriger Erfahrung wagen wir uns nicht, die infrastrukturelle Sicherheit auf dem Weg zum Polarkreis zu verlassen. Stattdessen bestreiten wir zur Eingewöhnung eine 2800 km lange Tour durch die süd- und östlich angrenzten Länder mit ihren Hauptstädten.

Bis auf einen mysteriösen Verlust des Blinkerglases (kein Originalteil) bei voller Fahrt gibt es keinen, wirklich keinen Zwischenfall. Dank der guten Ersatzteil-Versorgung kommt an einem Samstag das am Vortag bestellte Blinkerglas beim MB-Partner in Ljubljana an und die Fahrt kann unbesorgt fortgesetzt werden.

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Die Ursache für das beunruhigende Klackern des Motors

November 2015, zehnte und vorerst letzte Etappe. Nun ist die tatsächliche Urlaubsreise erst mit dem zweiten 124er T, der Erna, glücklich zu Ende gegangen aber die 124er-Abenteuer-Technikreise hat gerade erst begonnen. Mittlerweile ist mir die Ursache für das beunruhigende Klackern des „Bertha“-Motors bekannt. Ein paar kleine Metallstücke haben sich im Brennraum verirrt und jeder, der weiß, was da durchströmen darf und was nicht, kann sich vorstellen was die für einen Schaden angerichtet haben.

Deren Herkunft ist allerdings noch ein Rätsel. Nun steht die Bertha in der Garage, ein neuer alter Motor daneben und der alte säuberlich zerlegt im Keller. Und wenn der Motor schon so frei zugänglich ist dann…Aber bleiben wir einmal realistisch, einer der beiden Kombi muss wieder in andere gute Hände, es sei denn es hat jemand eine Scheune übrig…

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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Dieser Artikel wurde von Hendrik Walther geschrieben. Als gelernter Karosseriebauer, Hobbyschrauber und Tüftler begeistert er sich für allerlei Altes und Abgelegtes insbesondere das Gut des Automobils. Der Altblechenthusiast ist derzeit in seiner Freizeit mit drei 124er (Erna 124088, Bertha 124088, Paula 124052) beschäftigt. Im Beruf als Ingenieur, Entdecker und Entwickler hingegen beschäftigt er sich leidenschaftlich mit der alternativ angetriebenen automobilen Zukunft, sozusagen den Klassikern von Überübermorgen.

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