Refugee Help Day – Es gibt sie: Menschen, die helfen

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Flüchtlingskrise in Europa stellt alle vor Herausforderungen – die Politik, die Wirtschaft und jeden Einzelnen von uns. Das Thema wird uns mit Sicherheit für eine sehr lange Zeit beschäftigen. Traditionell fördern wir soziales Engagement. Deswegen haben die Vorstände von Daimler Financial Services und Mercedes-Benz Bank Ende letzten Jahres den „Refugee Help Day“ ins Leben gerufen. Im Fokus steht dabei die Möglichkeit, in Eigenregie zu helfen. …“

„… Einmalig möchten wir mit Kolleginnen und Kollegen aus Polen, Tschechien und der Slowakei unsere Kräfte bündeln und gemeinsam einen zentral organisierten „Refugee Help Day“ im Flüchtlingszentrum Spandau durchführen. Wir freuen uns sehr, die Kolleginnen und Kollegen zu diesem Aktionstag begrüßen zu können, um als internationales Team anzupacken.“

Dies ist ein Auszug aus der Einladung, den auch ich als Leiterin des Teams Early Collections (Frühes Forderungsmanagement) des Service-Centers der Mercedes-Benz Bank in Berlin kürzlich bekommen haben. Ich wusste sofort, dass ich am 11.02. beim „Refugee Help Day“ teilnehmen möchte.

Auch in meinem Privatleben beschäftige ich mit gemeinsam mit meinem Mann und meinem Sohn intensiv mit der aktuellen Situation der geflüchteten Menschen in Berlin. Mein Mann arbeitet in einer Flüchtlingsunterkunft, mein Sohn besucht eine Schule mit einer Willkommensklasse und wir als Familie haben den Entschluss gefasst, die Augen nicht zu verschließen vor der Not der hilfesuchenden Menschen und versuchen immer wieder zu helfen.

Helfen ist nichts Neues

Dass sich mein Arbeitgeber sich auch als Unternehmen nicht vor der gesellschaftlichen Verantwortung drückt, finde ich richtig gut. Darum ist meine Entscheidung der Teilnahme so schnell gefallen. Auch in der kurzen Vergangenheit hatten wir als Mitarbeiter bereits am Day of Caring die Möglichkeit, ganz konkret zu helfen – in einer Gärtnerei, die von und mit geflüchteten Menschen betrieben wird.

Die Tatsache, auch aus meinem beruflichen Hintergrund gemeinsam mit Kollegen anzupacken zu können, ist also grundsätzlich nichts Neues, da hier keine einmaligen Aktionen betrieben werden, sondern man konsequent an der Thematik dran bleibt. Neu war diesmal, dass wir den Tag gemeinsam – Schulter an Schulter – mit unseren europäischen Kollegen verbringen würden.

Refugee Help Day

110 Menschen, die anpacken

Dann kam er, der  11.02. – ein kühler Tag in Berlin. Wir haben uns morgens um 8.00 Uhr mit unseren Kollegen aus Polen, Tschechien und der Slowakei im Service-Center der Mercedes-Benz Bank getroffen. Es gab ein Lunchpaket, Wasser und Kaffee oder Tee für Alle, bevor wir mit Bussen Richtung Notunterkunft gefahren sind.

Wir waren 110 Menschen, die anpacken wollten – etwas an diesem Tag bewirken wollten. Ich wusste, dass unser Ziel eine Notunterkunft in Spandau sein sollte. Ich wusste, dass dort ca. 1.000 geflüchtete Menschen untergebracht sein würden. Ich wusste ebenfalls, dass es kein Hotel sein wird, das uns erwartet. Was ich nicht wusste:

Wissen ist nicht gleich fühlen

Als wir angekommen sind und die Notunterkunft betreten haben, hat das fröhliche Geplapper, das wir noch von der Busfahrt in den Ohren hatten, schlagartig aufgehört.

Ich kann es kaum beschreiben, was ich gefühlt habe. Ich verfasse diesen Beitrag mit einer kurzen und schlaflosen Nacht im Nacken.Die Emotionen sind noch frisch und während des Tippens driften meine Gedanken wieder einen Tag zurück und ich muss mich mit voller Kraft konzentrieren, damit ich die richtigen Worte finde.

Leben in einer Notunterkunft

Die Halle, in der sich das tägliche Leben in der Notunterkunft abspielt, ist gefühlt 2 Fußballfelder groß und lediglich durch Stofftrennwände in 4 Bereiche unterteilt. 3 „Schlafbereiche“ und ein freier Bereich, in dem die dort lebenden Menschen die Mahlzeiten einnehmen.

Erste Feststellung: kein Tageslicht, blanke Wände und Böden, schlechte Luft, Betten an Betten und dazwischen Menschen, die uns forschend, freundlich und offen anschauen. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unsicher, wie ich mich verhalten soll. Anschauen? Wegschauen? Lächeln? Hallo sagen? Ich war absolut verwirrt. So unglaublich viele Menschen in einem Raum.

Refugee Help Day

Projekte zum Anpacken

Wir hatten die Möglichkeit uns für den Vormittag für ein Tagesprojekt zu entscheiden:

  • Neue Räumlichkeiten streichen – die Notunterkunft soll erweitert werden und weitere 1.000 geflüchtete Menschen in Zukunft aufnehmen können
  • Betten aufbauen – 300 Metallbetten standen im Bausatzprinzip bereit
  • eine Holzbühne bauen – für kleine Veranstaltungen, Musik, Gesang, Theater usw.
  • Hilfe in der Kleiderkammer – unglaubliche Berge an Kleidersäcke haben auf Sortierung gewartet
  • Kinderbetreuung – Gesellschaftsspiele, basteln, malen

Kinderbetreuung, das Normalste der Welt

Ich habe mich für die Kinderbetreuung entschieden. Ich hoffte, mit den Menschen in Kontakt zu kommen – ich war unglaublich neugierig. Es gab auch kritische Stimmen: „Können die Kinder Krankheiten haben?“ habe ich gehört. Oder auch „Pass auf, nicht dass Du angesteckt wirst“ sowie „Sie verstehen uns ja nicht“.

Zu weiterem Austausch blieb keine Zeit – die Kinder haben gesehen, dass wir mit Gesellschaftsspielen ausgestattet auf dem Weg in die Spieleecke (3 Biertische) waren. Es gab keine Frage mehr in meinem Kopf wie „Lächeln?“ „Anschauen?“ „Hilfe was soll ich tun?“ sondern da waren einfach nur Kinder.

Und ja – ich bin angeniest und von einer kleinen bezaubernden „Schnoddernase“ gedrückt worden. Ich habe mit den Kindern und meiner Kollegin den gesamten Vormittag Memory gespielt – gefühlt 291 mal hintereinander und auch genauso oft verloren. Die Kinder haben vorgemacht, wie Integration funktionieren kann. Man sagt „Hallo“ (das Wort konnte jeder bereits auf Deutsch) und los geht‘s. Keine Aufwärmphase, kein langsames Herantasten…. Eigentlich das Normalste der Welt.

Diana Jannasch

Kleine Gesten, große Wirkung

Zwischendurch gab es immer wieder für mich unverständliche Ansagen durch ein Megaphon – ich denke, auf Arabisch.  Es wurde mir deutlich, welch unglaublichen Beitrag man mit vermeintlich kleinen Gesten leisten kann. Während des Spielens waren die Kinder und sogar ich völlig vertieft in das Spiel. Auch ich habe alles um mich herum vergessen. Ich glaube, dass diese kleinen Momente unglaublich kostbar für die Kinder sind. Sie sind auch völlig unbefangen und fröhlich gewesen.

Welch eine unglaubliche Chance für jeden, hier ganz konkret einen Beitrag zu einer erfolgreichen Integration zu leisten. Die Kinder zeigen Zuneigung. Sie krabbelten auf meinen Schoß, haben mich umarmt… es war wirklich herzerwärmend das zu spüren. Ich kann mir vorstellen, dass diese Erfahrung auch Jene berühren und verändern kann, die Ängste und Vorbehalte gegenüber der aktuellen Situation in Europa haben.

„Geflüchteter Mensch“ statt „Flüchtling“

Es ist nicht greifbar wenn man passiv bleibt.Wenn man jedoch aktiv wird und sich selbst ein Bild macht, spürt man sehr schnell, dass wir alle etwas gemeinsam haben – wir sind Menschen!!! Das Wort Flüchtling versuche ich seit gestern übrigens zu vermeiden. Ich möchte in meinen Wortschatz ab jetzt stattdessen „geflüchteter Mensch“ oder Gast aufnehmen.

Mittagessen als Teil der Gruppe

Es wurde Zeit zum Mittagessen in der Notunterkunft. Wir Helfer haben mit den Bewohnern der Notunterkunft gemeinsam gegessen – das gleiche Essen, dieselbe Warteschlange vor der Essensausgabe, dieselben Tische – wir wurden ein Teil der Gruppe.

Während wir in der Warteschlange standen, kamen zwei Kinder zu uns, die uns vom Vormittag bereits kannten….sie haben uns eingespannt, wollten gekitzelt werden, sind in die Arme gesprungen – es war sehr herzlich. Dass ich das hier erwähne ist genau genommen seltsam – von deutschen Kindern würde man doch auch solch ein Verhalten erwarten oder nicht? Man sieht also, auch ich war nicht ganz unvoreingenommen obwohl ich das vorher dachte.

Als wir unser Essen hatten – es gab Couscous-Salat mit einem Hühnerfleischspieß und Fladenbrot – habe ich mich gemeinsam mit zwei Kollegen an einen freien Platz auf einer Bierbank gesetzt. Mit am Tisch hat ein Afghane gesessen mit dem wir ins Gespräch gekommen sind. Er hat erzählt von seiner Heimat, seinem Leben. Es war für ihn völlig normal mit uns ins Gespräch zu kommen. Er hat sogar bereits erste Worte Deutsch gelernt und hatte einen Heidenspaß daran, es auch einzusetzen. Wir haben uns in einer Mischung aus Deutsch und Englisch unterhalten.

Kleine Geste, große Wirkung

Ich habe Bildwörterbuch Arabisch – Deutsch mitgenommen um mich verständigen zu können. Ich schenkte es ihm. Es war für ihn im ersten Moment völlig unbegreiflich, wieso ich ihm dieses Buch schenke. Er konnte es gar nicht glauben. Eine kleine Geste für mich…. für ihn jedoch etwas ganz Besonderes.

Zuhause in der Halle – mit 999 Anderen

Ich habe ihn auch gefragt, wieso hier fast alle Flip-Flops tragen würden. Dummerweise kannte ich den Begriff für Flip-Flop jedoch nicht in Englisch. Ich habe es ihm erklärt was ich meine. Er fragte dann: „Aaahhh – do you mean Schlappen?“ :). Nun gut, das Wort „Schlappen“ kannte er also schon.

Er erzählte, dass das das sein Zuhause sei – deswegen würde er Schlappen tragen. Im Nachhinein absolut verständlich – die Notunterkunft ist sein Zuhause – sein Wohzimmer, seine Küche, sein Schlafzimmer. Dass er dort keinerlei Privatsphäre hat, sondern sein Zuhause mit 999 anderen Menschen teilen muss, ist dabei völlig unerheblich. Zuhause = Schlappen. Das hat mich erneut tief betroffen gemacht.

Wirkungsstätte Kleiderkammer

Am Nachmittag bin ich dann an meine neue Wirkungsstätte gegangen: die Kleiderkammer. Eigentlich war es eher eine Kleiderhalle. Meterhoch waren die Kleidersäcke gestapelt. An diesem Morgen ist eine Kleiderbügelspende eingegangen und ich habe Kleiderbügel sortiert. Dies ist die Grundvoraussetzung für alle weiteren notwendigen Arbeiten.

Bei der Kleiderausgabe haben die Menschen exakt 5 Minuten Zeit, um sich Kleider auszusuchen. Wenn die Kleider gestapelt wären, dann müssten sie diese durchwühlen, um in diesen 5 Minuten auch nur den Hauch einer Chance zu haben, die passenden Größen zu finden.

Das vermeintliche Klischee, Menschen anderer Herkunftsländer seien unordentlich, was in der Presse durch entsprechende Bilder von chaotischen Kleiderkammern belegt wird, hat also auch eine andere Seite. Mein Fazit: Man sieht immer das, was man sehen will.

Gerhardt, Medizinhistoriker, 86 Jahre alt

Dann kam er – mein emotionaler Moment. Dieser Moment heißt Gerhardt (unbedingt mit dt – das hat er extra betont). Gerhardt ist 86 Jahre alt. Gerhardt ist Jude. Er wurde in Wien geboren, nach Ungarn deportiert und nach Kriegsende kam er nach Deutschland.

Gerhardt war Medizinhistoriker und hat an einer Universität in Berlin gelehrt. Gerhardt ist nicht mehr fit –das Gehen fällt ihm schwer. Gerhardt möchte helfen. Seine Gemeinde möchte helfen. Gerhardt hilft – und zwar jeden Donnerstag. Er fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln jeden Donnerstag von Berlin-Mitte nach Spandau – an den Rand Spandaus – in‘s Nirgendwo. Er ist pro Strecke eine geschlagene Stunde unterwegs. Er tut nicht nur so – er hilft.

Gerhardt ist Vorbild

Trotz seines Alters und der körperlichen Einschränkungen übernimmt er gesellschaftliche Verantwortung und packt an – richtig an. Nicht nur reden, er macht! Er hat Kleiderbügel sortiert  und wollte sogar Kleidersäcke umsortieren. Er hat gefragt, ob er beim Bettenaufbau helfen soll.

Ich war tief berührt. Obwohl ich weiß Gott nicht nah am Wasser gebaut bin, ist es passiert und die Tränchen sind gekullert. Nicht aus Traurigkeit – nein aus Dankbarkeit, Ehrfurcht und Demut. Gerhardt hat die Welt für mich nochmal ein Stück gerader gerückt.

Es gibt sie, die Menschen, die helfen. Die Menschen, die anpacken. Die Menschen, die nicht nur schlaue Sprüche klopfen, sondern auf Worte Taten folgen lassen. Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin lange mit ihm gesprochen. Er hat auf einer Bierbank gesessen – mitten im Chaos der Kleiderkammer. Wir haben vor ihm auf dem Fußboden gesessen – jeder eine Flasche Wasser in der Hand. Gerhardt ist ein Vorbild – mein Vorbild. Er sieht nicht alles grundpositiv – er sieht es differenziert.

Menschsein verbindet

Natürlich gibt es Herausforderungen, natürlich gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Nein – es gibt ganz viel dazwischen. Aber eins verbindet alle – das Menschsein. Und Menschen müssen einander helfen. Bei der Integration, mit Offenheit, mit Lächeln. Wenn nur jeder, der das hier liest auch einen Gerhardt treffen würde – das würde die Welt ein gewaltiges Stück besser werden lassen.

Der Tag neigte sich dann ziemlich schnell dem Ende. Kontakte wurden schnell noch geknüpft – und Wiedersehen vereinbart.

Aus Kollegen werden Verbündete

An diesem Tag sind meine Kollegen nicht nur Kollegen gewesen – sie sind Verbündete geworden. Verbündete in dem Versuch, die Welt in unserem Einflussbereich ein wenig besser werden zu lassen. Man kann nicht alle retten, nicht allen helfen. Aber jedem, dem man zumindest einen Augenblick mit aufrichtigem Interesse schenken kann, den hat man erreicht. Jede Handlung erzielt eine Wirkung – auch die kleinen und leisen.


Übrigens sind absichtlich keine Bilder mit geflüchteten Menschen enthalten. Dies hat vor allem zwei Gründe:

  1. Die Veröffentlichung könnte Konsequenzen für die zurückgebliebenen Familienmitglieder aus den Herkunftsländern haben (Flucht=Geld=Erpressung)
  2. Werde ich diese Menschen öfters sehen. Wenn jemand gerne Bilder haben möchte seid Ihr alle herzlich eingeladen mitzugehen und Euch ein eigenes Bild zu machen ;) 

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