Mach dir die Welt, wie sie dir gefällt!

Wie sich unsere Art zu Reisen durch Big Data und Mass Customization an unsere Bedürfnisse anpasst. Seit einiger Zeit ist es normal, dass wir nicht mehr alle das gleiche Einheitsprodukt kaufen müssen. Mit Hilfe von mobilen Technologien und Big Data lässt sich Mobilität immer besser an unsere Bedürfnisse anpassen. Das hat nicht nur einschneidende Konsequenzen für uns, sondern auf für die Art, wie Mobilität „hergestellt“ wird.

Wir können online konfigurieren, was auf unseren T-Shirts steht (Spreadshirt, Threadless), wie unsere Schuhe aussehen sollen (Adidas, Nike), welche Komponenten in unseren Computer eingebaut werden (Apple), und was alles in unser Müsli kommen soll (mymuesli). Diese Produkte treffen unsere Bedürfnisse meist besser als Standardprodukte vom Fließband – sie sind jedoch deutlich erschwinglicher als maßgeschneiderte Artikel.

Mass Customization: Massenproduktion & Individualisierung

Wie das geht? Bei der Herstellung werden Vorzüge von Massenproduktion und Individualisierung miteinander verbunden. Dieses Konzept ist unter dem Namen „Mass Customization“ bekannt.

Auch Daimler ist schon länger in diesem Bereich aktiv: Über Konfiguratoren (Mercedes-Benz, smart, Trucks) kann man sein Fahrzeug einfach an die eigenen Bedürfnisse anpassen: Das äußere Erscheinungsbild und die Motorisierung lassen sich ebenso verändern wie das Interieur. Darüber hinaus stehen verschiedene Sonderausstattungen zur Verfügung, so dass die Kunden zwischen unzähligen Fahrzeug-Varianten wählen und so ihr ganz persönliches Auto zusammenstellen können.

Diese Auswahl macht es möglich, dass Kunden ein Fahrzeug bekommen, das möglichst gut ihren Bedürfnissen entspricht. Jedoch bleibt das Fahrzeug in allen Lebenslagen das gleiche und passt sich nur bedingt den aktuellen Gegebenheiten an.

Vielfalt der Bedürfnisse

Unsere Bedürfnisse unterscheiden sich aber im täglichen Leben erheblich: Mal wollen wir mit Freunden und viel Gepäck weit weg in den Urlaub fahren, mal einen Weihnachtsbaum transportieren. Ein anderes Mal ist es uns wichtig, dass wir unseren fahrbaren Untersatz schnell wieder loswerden, und oft wollen wir alleine möglichst schnell und komfortabel zur Arbeit oder wieder nach Hause kommen.

Die Festlegung auf ein bestimmtes Fahrzeug führt dazu, dass wir Autos besitzen, die für möglichst viele Situationen geeignet sind – es führt aber gleichzeitig dazu, dass wir meist nicht das Verkehrsmittel zur Verfügung haben, das am besten zu den aktuellen Gegebenheiten passt.

Zum Beispiel leistet ein SUV möglicherweise auf dem Weg zum Skifahren gute Dienste – doch ist es mit ihm meist schwierig, in Innenstädten einen Parkplatz zu finden. Und auch wenn wir auf dem Weg in den Sommerurlaub ein vollbesetztes Auto haben, bleiben Sitze auf vielen anderen Fahrten im Jahr leer: Im Durchschnitt sind Autos in Deutschland nur mit 1,6 Personen besetzt, bieten also meist mehr Platz als gebraucht wird.

Gestaltung von Mobilitätsangeboten

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie Mobilitätsangebote gestaltet werden können, die besser an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst sind und dabei erschwinglich bleiben. Vor diesem Hintergrund liegt der Gedanke nahe, die Grundidee von Mass Customization auf Mobilität zu übertagen.

Können wir dafür sorgen, die verschiedenen Bedürfnisse besser zu befriedigen? Lässt sich Mobilität auch konfigurieren? Lassen sich mit der individualisierten „Massenproduktion von Mobilität“ auch noch Ineffizienzen zu reduzieren?

Mobilität kann man nicht anfassen

Aber wie soll man denn Mobilität konfigurieren können? Im Gegensatz zu Bereichen, in denen Mass Customization bislang häufig angewandt wurde, kann man Mobilität nicht anfassen. So weit sind wir von der Mobilitätskonfiguration jedoch nicht mehr entfernt. Mit moovel haben wir 2012 einen der ersten „Mobilitätskonfiguratoren“ auf den Markt gebracht, über den man in der Stadt Mobilität konfigurieren kann. So kann man seine Mobilitätspräferenzen hinterlegen und verschiedene Mobilitätsangebote vergleichen, buchen und bezahlen.

Andere Anbieter wie Qixxit, Ally, GoEuro oder Ridescout bieten inzwischen ebenfalls Apps an, die man als Konfiguratoren für Mobilität betrachten kann. Auch die auf vielen Smartphones installierten Karten von Apple oder Google zeigen verschiedene Mobilitätsoptionen: Sie errechnen inzwischen nicht nur Routen für eine Autofahrt, sondern auch Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad.

Dabei ist in einer bestimmten Situation nicht immer ein einziges Verkehrsmittel die beste Option – möglicherweise bringt mich ja eine Kombination aus mehreren Angeboten schneller ans Ziel oder ich kann wenigstens die Reisezeit für andere Dinge nutzen.

Ridescout

Unser Smartphone weiß was wir tun

Die Konfiguration geht aber weit über die Auswahl aus verschiedenen Optionen hinaus: Unser Mobiltelefon weiß inzwischen ziemlich viel über uns – z.B. kennt es unseren Standort und unseren Kalender. Aus diesen Informationen können smarte Algorithmen viel über unser Mobilitätsverhalten und unsere Bedürfnisse lernen – und uns so letztlich die relevanten Mobilitätsoptionen und Konfigurationsmöglichkeiten anzeigen.

Solche Mechanismen kennen wir ziemlich gut, schließlich zeigen uns Bing, Duckduckgo, Google und andere Suchmaschinen die hoffentlich relevantesten Suchergebnisse an, Facebook und inzwischen auch bald Twitter filtern in unserer Timeline diejenigen Informationen aus, die uns wahrscheinlich weniger interessieren. Dienste wie Google Now können uns schon heute darauf hinweisen, dass es Zeit ist, das Haus zu verlassen, wenn rechtzeitig am Flughafen sein wollen.

Die Konfigurationsmöglichkeiten sind aber nur ein Erfolgsfaktor für Mass-Customization-Produkte. Ebenso wichtig ist die Gestaltung robuster Produktionsprozesse. Mass Customization setzt voraus, dass eine große Vielzahl von Varianten reibungslos produziert werden kann. Für die Customization von Mobilität müssen die klassischen „Produktionsprozesse“ von Mobilität überdacht werden: Mobilitätssysteme müssen auf Basis der aktuellen Kundenbedürfnisse dynamisch neu verbunden werden.

Stärken unterschiedlicher Verkehrsmittel nutzen

Dabei steht im Zentrum, die beste Option für die aktuelle Situation zu finden und dabei die Stärken der jeweiligen Verkehrsmittel zu nutzen: Linienbasierte Systeme wie die S-Bahn sind etwa sehr gut darin, viele Menschen von einem bestimmten Punkt zu einem anderen zu bringen. Doch leider fahren S-Bahnen selten direkt vor der Haustür los und meist auch nicht direkt bis an den Zielpunkt. Für die Strecken zur Station und dann zum Zielpunkt stehen andere Optionen zur Verfügung: Etwa der gesunde Weg zu Fuß oder die teure, aber komfortable Alternative mit dem Taxi.

Zum Aufbau solch dynamischer Prozesse sind verschiedene Bausteine notwendig: Protokolle und Programmierschnittstellen (APIs), die den Austausch von Echtzeitinformationen über die Grenzen einzelner Verkehrssysteme hinweg ermöglichen, neue Verkehrsmittel wie z.B. selbstfahrende Fahrzeuge für den Stadtverkehr, verbesserte physikalische Schnittstellen wie z.B. Bahnhöfe oder Flughäfen, und neue Service Angebote, die aktuelle Technologien nutzen.

Buslinien entsprechend der Nachfrage

Zwar hört sich das noch nach Science-Fiction an, doch entwickeln unterschiedliche Unternehmen bereits Teile eines solchen Systems. So gibt es inzwischen verschiedene Initiativen, die den Austausch von Daten zwischen verschiedenen Anbietern erleichtern – z.B. TransXchange oder die General Transit Feed Specification. Firmen wie Via oder Bridj etablieren Busservices, in welchen die Busse ihre Linien entsprechend der Kundennachfragen anpassen.

Automatisiertes Parken

In einer Kooperation zwischen Bosch, Daimler und car2go arbeiten wir gerade an der Verbesserung des Parkens mit Hilfe von automatisierten Fahrzeugen, welche potenziell den Umstieg zwischen verschiedenen Verkehrssystemen erleichtert. Und im Hamburger Projekt Switchh (mit den Projektpartnern HVV, Hochbahn, Europcar und car2go) werden Punkte geschaffen, an denen der Umstieg zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln vereinfacht wird.

Enormes Potential in der Verknüpfung von Verkehrsmitteln

Viele Organisationen arbeiten auch an neuen Verkehrsmitteln für verschiedene Zwecke und mit unterschiedlicher Funktionalität (z.B. Persuasive Electric Vehicle, Hyperloop). Auch autonome Fahrzeuge werden hier sicher eine Rolle spielen – diese sind derzeit Gegenstand vieler Spekulationen. Verkehrsexperten sind sich einig: In der Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel besteht enormes Potenzial.

Revolution der Mobilität

Die Mobilitätsmärkte werden sich durch neue Systeme und neue Player dramatisch verändern. Häufig wird von einer „Revolution der Mobilität“ gesprochen, deren Auslöser neue Technologien und Geschäftsmodelle sind. Diese Revolution gilt es, aktiv zu gestalten und  Bei Daimler wird an vielen Stellen nicht nur fieberhaft an der Weiterentwicklung von Autos, sondern auch von Mobilität gearbeitet: In der Forschung und Entwicklung entstehen neue Technologien, im Bereich Business Innovation werden neue Geschäftsmodelle entwickelt und mit moovel kann man Mobilität schon heute konfigurieren. Und auch bei car2go arbeiten wir täglich an der Mobilität von heute und morgen – zusammen mit Kollegen aus anderen Bereichen des Konzerns arbeite ich hier etwa an der Frage, wie sich in Zukunft autonome Fahrzeuge im Car-Sharing Kontext einsetzen lassen.

Noch viel zu tun

Auf dem Weg zur Mobilität von morgen ist viel zu tun. Dabei bieten sich großartige Möglichkeiten, die Welt der Mobilität nachhaltig zu verändern. So lassen sich mit Hilfe neuer Konzepte deutlich bessere Mobilitätssysteme schaffen, welche künftige Mobilitätswünsche besser und kostengünstiger erfüllen können. Und die dabei auch noch gut sind für unsere Städte, die Umwelt – und nicht zuletzt auch für die Anbieter dieser Dienste.

Mein Arbeitsplatz am MIT - MIT Media Lab, Changing Places Group


PS.: Mehr Informationen zu diesem Thema finden sich in unserem Artikel im MIT Sloan Management Review.

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